Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Sitzung mitteilt. Die durch die Technik der Intersubjektivisten hergestellte Symmetrie zwischen Analytiker und Analysand und die von ihnen geförderte Wechselseitigkeit der Beziehung verhindern, dass die symbolisierende Funktion des Ödipuskomplexes sich manifestieren und einen genuin analytischen Prozess in Gang setzen kann. Im Gegensatz dazu soll der psychoanalytische Rahmen in der klassischen Analyse v.a. durch die Asymmetrie der Beziehung, die an den Generationenunterschied erinnert, auf die ödipale Situation verweisen. Diese Elemente sind Voraussetzung dafür, dass unbewusste Prozesse Ausdruck finden können. Gemäß den unter klassischem Blickwinkel verfassten Kritiken umgehen die relationalen Orientierungen die Komplexität unbewusster Prozesse und vergessen den Widerstand, den diese gegen Evolution und Erziehungsmethoden in Stellung bringen (Anzieu-Premmereur 2000). Andere Kritiker unterschiedlicher analytischer Orientierung machen eher generelle Einwände gegen den Richtungswechsel in der nord- (US-)amerikanischen Psychoanalyse und die hermeneutischen, sozio-konstruktivistischen und narrativen Ansätze geltend (Kahn 2014). Sie kritisieren die Umorientierung der relationalen Schulen vom Trieb zu den Affekten in der klinischen Psychoanalyse und die daraus resultierende Vernachlässigung der Metapsychologie (Anzieu-Premmereur 2000). Sie haben starke Bedenken gegen die Rolle, die das emotionale Sich-Einlassen des Analytikers in der heutigen nordamerikanischen Psychoanalyse spielt. Die Art und Weise, wie die Intersubjektivisten Empathie verstehen und praktizieren, unterscheidet sich erheblich von Freuds Begriff der Einfühlung , den er von Theodor Lipps übernahm, und ist unvereinbar mit seinem Konzept der Versagung , die mit der wohlwollenden Neutralität des Analytikers zusammenhängt und ein wesentliches Element der psychoanalytischen Methode bildet (Kahn 2014). Präziser formuliert: Das emotionale Engagement des Analytikers sowie seine Empathie lenken die Aufmerksamkeit auf die Qualität und den Inhalt des Affekts statt auf seine quantitativen Manifestationen. Daüber hinaus erzeugen sie gemeinsam tendenziell eine Umgebung, die beruhigender wirkt als der klassische analytische Rahmen. Auf diese Weise bleibt, wenn auch mit unverkennbar guter Absicht, der Aufbau intensiver affektiver Manifestationen unter Kontrolle. Eine solche Regulation verhindert die Analyse der für libidinöse Prozesse charakteristischen Suche nach Erregung. Infolgedessen schaffen die relationalen Ansätze, unter dieser Perspektive betrachtet, nicht die Voraussetzungen, die notwendig sind, um dem ökonomischen Gesichtspunkt – einem wesentlichen Element der Freud’schen Metapsychologie und einem Merkmal der aktiven unbewussten Prozesse - hinreichend Rechnung tragen zu können (Widlöcher 2004; Kahn 2014). In entsprechender Weise betonen andere Kritiker die Betonung der Bedeutung und der Ko-Konstruktion von Bedeutung im relationalen Paradigma. Sie unterstreichen, dass diese Position die Charakteristika der unbewussten Abkömmliche, die sich der Bedeutungszuschreibung per definitionem widersetzen, unberücksichtigt lasse und zur Assimilierung der Psychoanalyse an die kognitive Therapie beitrage. Zudem erheben sie Einwände gegen die kontingente und sekundäre

131

Made with FlippingBook - Online magazine maker