Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

ein wesentlicher Faktor der Beeinträchtigung sowohl des Wahrnehmungsvermögens als auch der Realitätsprüfung sein (Arlow 1969). Heinz Hartmann (1964/ 1972) hat sich in den meisten seiner Beiträge mit Aspekten der Realität auseinandergesetzt, z.B. mit der äußeren Realität (vgl. sein Konzept der durchschnittlich erwartbaren Umwelt, 1939/ 1972), sowie mit kulturellen Faktoren (1944/ 1972), mit moralischen Werten (1956/1972) und mit der „inneren Realitätsprüfung“ (1947/1972, 1953/1972, 1956/1972). Diese lässt sich zusammenfassend beschreiben als „Einsicht, psychologische Sensibilität und Gewahrwerden innnerer Zustände. Innere Realitätsprüfung würde dann das Bewußtsein dieser inneren Zustände und ihre genaue Einschätzung umfassen“ (Hurvich 1970/1972, S. 870). Hartmann (1939/1975, 1953/1972) zufolge wurzeln die Realitätsbeziehung und die damit zusammenhängenden Prozesse in der primären Ich-Autonomie. Weitere Entwicklungen in der Ich-Psychologie versuchten diese Auffassung mit der psychischen Entwicklung zu integrieren, indem sie zwei Entwicklungslinien annahmen – eine als Komponente der primären Autonomie und die andere als Aspekt der Differenzierung zwischen innerem/äußerem Selbst und dem Objekt (Jacobson 1964), die durch Separations-Individuationsprozesse unterstützt wird (Mahler, Pine und Bergman 1975). Die aufmerksame „Neulektüre“ von Freuds Entwicklung des Konzepts der Realitätsprüfung mit seiner zentralen Unterscheidung zwischen innerlich und äußerlich erzeugter Erregung, die die französischen Analytiker Laplanche und Pontalis (1967/1973) ohne die von der Ich-Psychologie bereitgestellten Instrumente durchführten, ergab nach Meinung dieser Autoren, dass es „in Wirklichkeit unbestimmt und verworren“ bleibe (S. 433). David Rapaport (1950) erweiterte die Komplexität des Konzepts um das „reflexive Gewahrsein“ (das Gewahrsein, dass man wahrnimmt) als Komponente der inneren Realitätsprüfung und betonte, dass es helfe, zwischen Bewusstseinszuständen wie etwa dem Vorstellen mit und ohne Gewahrsein zu unterscheiden. Dazu zählen auch subtile Varianten des bewussten Erlebens in Bezug auf Perzepte, Erinnerungen, Annahmen und Einschätzungen, ob etwas zutreffend ist oder nicht, gewiss oder ungewiss. Unter einem psychoanalytischen Blickwinkel betrachtet, bewirken die unvermeidlichen unbewussten Einflüsse auf Wahrnehmung und Erinnerung eine mehr oder weniger ausgeprägte Interpenetration des äußeren und des inneren Bereichs, so dass die Wahrnehmung der Außenwelt und anderer Menschen immer auch Elemente einer „Übertragung“ enthält (Grubrich-Simitis 2008). Peter Fonagy hat das reflexive Gewahrsein mit dem Konzept des Mentalisierens ausgearbeitet und beschreibt eine Reflexionsfunktion , die sowohl ein Gewahrsein von Selbst- und Ich-Zuständen als auch von Aspekten der inneren Zustände anderer Menschen umfasst (Fonagy, Gergely, Jurist & Target 2002/2004). Die Realitätskonstanz (Frosch 1966) ist konzipiert als – parallel zum Erwerb der Objektkonstanz erfolgendes - Erreichen eines gewissen Grades an Organisation,

130

Made with FlippingBook - Online magazine maker