Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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ihrer ursprünglichen Form keine Kräfte, die einer autonomen, getrennten primitiven Psyche innewohnen, sondern Produkte von Spannungen in der psychischen Mutter-Kind-Matrix und später zwischen der unreifen infantilen Psyche und der Mutter. Mit anderen Worten, Triebe sind von Anfang an als Beziehungsphänomene zu sehen und nicht als autonome Kräfte, die auf Abfuhr drängen, eine Abfuhr, die als eine Art Entleerung von Energiepotential in einem geschlossenen System oder aus ihm heraus verstanden wird.“ (Loewald 1980 [1972], S. 242) III. Cc. Französisch-kanadische Sicht: Französische Auffassungen der Intersubjektvität und ihre Rezeption der US-amerikanischen intersubjektiven Orientierung Die Rezeption der US-amerikanischen intersubjektiven Orientierung durch die französische Psychoanalyse ist von den laufenden Debatten zwischen der nordamerikanischen (USA) Psychoanalyse – sowie zu geringerem Grad der weltweiten anglophonen Analyse – und der französischsprachigen Psychoanalyse nicht zu trennen. Französische Analytiker betrachten die britische psychoanalytische Schule als Brücke zwischen der US-amerikanischen und der französischen Psychoanalyse. In aller Deutlichkeit zeigte sich dies, als Winnicott und Bion in den Schriften prominenter französischer Analytiker zu wichtigen Referenzen avancierten. Im Großen und Ganzen gibt es in der französischen Psychoanalyse drei Einstellungen zur Intersubjektivität, die je unterschiedliche Trends in der Rezeption der US-amerikanischen (vorwiegend selbstpsychologischen und relationalen) intersubjektiven Orientierungen widerspiegeln: 1. Eine generelle, v.a. auf Lacan gestützte Ablehnung des interpersonalen/relationalen Paradigmas; 2. Eine metapsychologische Sichtweise der psychoanalytischen Situation, die sich, wie beispielsweise Laplanches Theorie der allgemeinen Verführung, auf den interpersonalen Charakter der Herausbildung des sexuellen Unbewussten stützt; und 3. Eine eingeschränkte Akzeptanz innerhalb der Dialektik zwischen den intersubjektiven und den intrapsychischen Dimensionen der Psyche bei Green, Roussillon und anderen „Integrationalisten“. Die Kritiken unterscheiden sich je nach der psychoanalytischen Orientierung ihres Verfassers. Sie problematisieren Themen, die mit der psychoanalytischen Methode und mit der Metapsychologie zusammenhängen. Stärker an der klassischen französischen Psychoanalyse orientierte Autoren fokussieren tendenziell eher auf die Tatsache, dass relationale Anstäze den primären Inhalt des Unbewussten – genauer: die Urphantasien wie Kastration und Ödipus - nicht berücksichtigen und damit die strukturierende Rolle übersehen, die die Geschlechter- und Generationenunterschiede bei der Herausbildung des psychischen Lebens spielen. In der intersubjektiven Orientierung wird die Gegenübertragung zur Selbstenthüllung, und deren Analyse bedeutet, dass der Analytiker dem Patienten sein eigenes affektives Erleben der

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