Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III Bdaa. Beispiel für eine bedeutsame Ich-Funktion: Realitätsprüfung, Realitätssinn und damit verbundene Konzeptualisierungen Als eine der ersten bedeutenden Ich-Funktionen hat Sigmund Freud (1950 [1895], 1911b) die Realitätsprüfung beschrieben, die darüber hinaus als maßgebliche Grundlage für die Unterscheidung zwischen Psychose und Nicht-Psychose dient. Definiert als der „ständige Versuch, diskrepante innere und äußere Erfahrungen miteinander zu vereinbaren“ (Moore und Fine 1990, S. 162), spielt die Realitätsprüfung eine zentrale Rolle für die Anpassung (Hartmann 1939/ 1960). Sie geht Hand in Hand mit Antizipation, Aufmerksamkeit, Konzentration, Erinnerung, Gefühlen und der Entwicklung von Konzepten (Schafer 1968). Freuds Arbeit über die Komponenten der Realitätsprüfung lässt sich wie folgt zusammenfassen: 1. Die Fähigkeit, zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen zu unterscheiden (außen – innen, Wahrnehmungen – Halluzinationen) (Freud 1950 [1895], 1915c); 2. Die Akkuratheit der Wahrnehmung (Freud 1925h); und 3. Die Selbstbeobachtung (Freud 1933a). David Rapaports (1951) reflexives Gewahrsein wiederum hat Hartmanns (1947, 1953, 1953) Hinzufügung einer inneren Realitätsprüfung beeinflusst. In „Triebe und Triebschicksale“ vertrat Freud (1915c) die Ansicht, dass sich die Grundlage für die Unterscheidung zwischen Innen und Außen aus der wiederholten Erfahrung ergebe, dass manche Stimuli (nämlich äußere) durch motorische Aktion vermieden werden können, andere (innere) jedoch nicht. David Rapaport (1950) behauptete später, dass die schützende Realitätsprüfung über die motorische Differenzierung hinaus von konzeptuellen, räumlichen und zeitlichen Bezugsrahmen abhänge. Laut Freud (1911c) entwickelt sich eine Psychose, wenn die Realitätsprüfung infolge eines vollständigen Rückzugs der libidinösen Besetzung von der Objektrepräsentanz zusammenbricht. Eine spätere, auf dem Strukturmodell beruhende Formulierung (Arlow und Brenner (1964) postulierte eine regressive / defensive Abnahme der Realitätsprüfung zur Abwehr von Angst und von anderen dysphorischen Affekten. Die verzerrte Realitätsprüfung des Psychotikers wird auch einer Verneinung der schmerzvollen emotionalen Zustände anderer Personen zugeschrieben (Modell 1968). Beeinträchtigungen der Realitätsprüfung können aus unzulänglicher Selbstbeobachtung resultieren. Hier unterschied Freud (1923b) zwischen Realitätsprüfung und Selbstbeobachtung als Ich-Funktionen, während er Selbstvorwürfe als eine Funktion des Gewissens – später als Über-Ich-Funktion bezeichnet - betrachtet (Freud 1914c, 1918b). Ein intaktes Über-Ich ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine angemessene Realitätsprüfung (Waelder 1936b). Wenn in der Entwicklung alles gut geht, verwandeln sich Selbstbeobachtung und Selbstbeurteilung mehr und mehr von einer Über-Ich- zu einer Ich-Funktion (Hartmann 1956; Stein 1966). Ganz allgemein könnte das unbewusste Phantasieren

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