Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Effekt der Antizipation verantwortlich, der dem Säugling auferlegt wird, von dem eine Reaktion erwartet wird, die gar nicht in seiner Macht steht. Es ist auch dieser Diskurs, der […] das Konzept der Urgewalt illustriert“ (2001 [1975], S. 11). Darüber hinaus betonte sie die zentrale Rolle der Nachträglichkeit der Affektbenennung (nachträglich, weil diese erfolgt, nachdem die Mutter die Reaktion des Kindes beobachtet hat und bevor das Kind selbst über sie zu sprechen weiß), die „das Ich identifiziert und konstituiert“ (ebd., S. 97), indem sie die Beziehung des Kindes zu Anderen, die es besetzt hat, kennzeichnet. Auch für Winnicott spielt das Objekt (selbst ein konflikthaftes Subjekt) eine entscheidende Rolle bei der Geburt eines funktionsfähigen psychischen Apparates, der zwischen Phantasie und Wahrnehmung zu unterscheiden vermag. Das Objekt ermöglicht diese Transformation und Konstruktion durch zwei wesentliche Formen der Interaktion mit dem Säugling – zum einen dadurch, dass die Mutter dem Baby die Erfahrung des „Gefunden/Geschaffen“ vermittelt, indem sie ihm die Brust empathisch zur Verfügung stellt, wenn es sie braucht. Zweitens dadurch, dass sie als Objekt der Triebe „überlebt“ und dem Kind auf diese Weise hilft, zwischen seinen Wünschen und der äußeren Realität zu unterscheiden. Winnicott (1960) behauptet, dass die Triebregungen und die Affekte dem Ich des Säuglings genauso fremd seien wie ein Donnerschlag. Durch eine erfolgreiche Verarbeitung der beiden Interaktionsformen des „Gefunden/Geschaffen“ und der „Objektverwendung“ (Winnicott 1953, 1969) beginnt das Kind, den Trieb nach und nach zu subjektivieren und ihn von Umweltfaktoren zu unterscheiden. Der spezielle Charakter der „Begegnung“ [„meeting“] zwischen der spontanen, objektgerichteten Suche des Kindes und der „Reaktion“ der Mutter formt also sozusagen buchstäblich das intrapsychische Erleben des Subjekts. Bevor der Trieb als Teil des eigenen Selbst erlebbar wird, muss er durch die Reaktion der äußeren Anderen hindurchgehen. Er ist demnach nicht einfach „angeboren“, sondern wird nach Winnicotts Meinung im Wesentlichen in der Beziehung zur Anderen „konstruiert“. André Green (1997) betrachtet den Trieb als die Matrix des Subjekts, weil das Ich in der Freud’schen Theorie aus der Interaktion/dem Zusammenstoß von Trieben und äußerer Welt hervorgeht. Green erweiterte Winnicotts Konzept der „optimalen (mütterlichen) Präsenz“ durch seine Konzeptualisierung der optimalen Abwesenheit , die den Symbolisierungs- wie auch Repräsentationsprozessen zuträglich ist. (Greens Dialektik zwischen dem Intrapsychischen und dem Intersubjektiven wird unten näher erläutert.) Jean Laplanches ehrgeizige Neuformulierung der „Grundlagen der Psychoanalyse“ (Laplanche 1989b) enthält eine andere Auffassung der Beziehung zwischen Objekt und Trieb. Laplanche (1999a) kritisiert den „ptolomäischen“ Charakter der Freud’schen Sichtweise, der die individuelle Psyche ins Zentrum ihres Schicksals stellte, und behauptet, dass die grundlegende „anthropologische Situation“ der frühen Kindheit durch die „Priorität der Anderen“ vollständig dezentriert sei. Dies macht den kleinen Menschen, der um die Erwachsene kreist, „kopernikanisch“.

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