Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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intrapsychischen Prozess (Rangell 1969a,b); Integrationsfunktion des Ichs (Rose 1991);

Mit wachsendem Wissen über die Komplexitäten der unbewussten Ich- Aktivität wurden von verschiedenen Autoren Ergänzungen oder Erweiterungen dieser stetig länger werdenden Liste formuliert. So identifizierte Leo Rangell (1969a, 1969b) eine unbewusste Entscheidungsfunktion im erweiterten unbewussten exekutiven Funktionieren des Ichs. Ein anderes Beispiel ist die von Gilbert J. Rose (1964, 1987, 1992) spezifizierte integrative Ich-Funktion im Zusammenhang mit den Fluktuationen der „Ich-Grenzen“ und dem Identitätsgefühl; sie erleichtert es, den Unterschied zwischen dem relativ gesunden kreativen Individuum und jemandem mit zugrunde liegender psychotischer oder Borderline-Struktur zu klären. Rose schreibt: „Man kann eine ‚kreative Unterwerfung‘ unter die Phantasie nicht empfehlen, wenn die Integrationsfunktion des Ichs, das Identitätsgefühl und die Realitätsprüfung nicht grundsätzlich intakt sind“ (Rose 1991, S. 131). Dan H. Buie (1981) reiht auch die Empathiefähigkeit unter die Ich-Funktionen ein. Leopold Bellak (1961) erforschte die strukturellen Aspekte des Prozesses der freien Assoziation. Als dessen Charakteristikum hatte man zuvor einen bestimmten Typus der Ich-Funktion beschrieben, den Hartmann als die Selbstausschaltung des Ichs (Hartmann 1939/1960, S. 162) bezeichnete und der eng mit der von E. Kris beschriebenen Regression im Dienste des Ichs zusammenhängt. Bellak bezeichnet diese spezifische Ich-Funktion als die „oszillierende Funktion des Ichs“. Ebenso wie im Fall kreativer Aktivität kommt es auch im Prozess des freien Assoziierens zu einem „Schwanken von der Regression zur Vigilanz kognitiver, adaptiver und synthetisierender Funktionen. So entstehen emergente Eigenschaften, die wir als kreativen Prozess kennen“ (Bellak 1961, S. 13). Bellak zog den Schluss, dass der Prozess des Assoziierens von der Oszillationsfunktion des Ichs abhängt, d.h. von seiner Fähigkeit, zwischen der (von Kris beschriebenen) Regression im Dienste des Ichs und einer geschärften Selbstbeobachtung und intensivierten Synthesefunktion zu wechseln. Unter dem ich-psychologischen Blickwinkel wurden Objektbeziehungen bisweilen als Teil des Ich-Funktionierens betrachtet (z.B. von Bellak 1989), manchmal als übergeordnet (Boesky 1983), aber auf autonomen Ich-Funktionen (Wahrnehmung, Erinnerung und Integration von Selbst und Anderen) beruhend und dynamisch durch Triebe (lustvolle Befriedigungserfahrungen mit Objekten) und Abwehrprozesse (Internalisierung/ Introjektion zur Linderung schmerzvoller Affekte) konstituiert. Während zahlreiche Ich-Funktionen im Rahmen psychologischer Tests untersucht und quantifiziert worden sind (Rapaport, Gill und Schafer 1945; Wollman 1965), sieht die Ich-Psychologie sie eindeutig im Kontext des psychoanalytischen Interesses als Teil der Strukturtheorie der Persönlichkeitsorganisation und - entwicklung.

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