Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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beschreibt das „dritte Modell“ einen Zustand in der Vorgeschichte des Individuums, in der die Psyche nicht durchgehend fähig war, innerhalb ihres Repräsentationszirkels zu operieren und Repräsentationen als solche zu beurteilen. Sie ist zunächst vom Nebenmenschen (Freud 1895) abhängig, der dafür sorgt, dass sie durch innere und äußere Reize nicht überwältigt wird. Indem die Bezugsperson die Stimulierung des Babys moduliert und die Funktion einer Reizschranke erfüllt, ermöglicht sie es dem Kind, nach und nach libidinöse wie auch aggressive Impulse als nicht-traumatische Anteile seiner selbst anzuerkennen. So beschreibt das dritte Modell eine Zeit im Leben des Individuums, die der Entwicklung der von den beiden übrigen Modellen erfassten Konstellationen vorausgeht. Das dritte Modell entstand in der Theoriebildung als letztes, betrifft aber die allererste Situation im Leben des Menschen. Unter dem Blickwinkel des unbewussten Subjekts betrachtet, könnte man sagen, dass Personen im neurotisch-normalen Bereich ein „inneres“ Leben haben, während Borderline-Persönlichkeiten und Psychotiker weder ihre Triebe noch ihre Phantasien als „innere“ erleben. Um vom Denken des Primärvorgangs, in dem Wünsche als erfüllt wahrgenommen werden, dahin zu gelangen, dass Wünsche in einem Übergangsraum der Wahrheit und Unwahrheit erlebbar werden, ist die Intervention einer hinreichend guten Bezugsperson als vorübergehende Prothese oder vorübergehender Container erforderlich. Das Leben eines jeden Menschen beginnt demnach in einer Zwei-Personen-Situation, in der das Baby und seine Umwelt eine operative Einheit bilden. Erst im Laufe der Zeit und mit beträchtlicher (gewöhnlich unbewusster) psychischer Arbeit beider Beteiligter kann eine relative intrapsychische Eine-Person-Autonomie hergestellt werden. Dies wird als eine ideale universale Entwicklung verstanden, die aber – gewöhnlich aufgrund von Defiziten in der anfänglichen Zwei-Personen-Begegnung - nicht von allen Personen erreicht werden kann. Für diese rückblickend als „Drittes-Modell“-Theoretiker bezeichneten Denker ist die Eine-Person-Psyche eine Entwicklungserrungenschaft, die Schwankungen ausgesetzt ist und unter innerem oder äußerem Stress abhandenkommen kann. Unabhängig voneinander und praktisch gleichzeitig formulierten Jacques Lacan und Donald W. Winnicott das Urdilemma des Menschen: Um Jemand zu werden, muss jedes Subjekt durch eine Andere, eine reale, konfliktbesetzte, individuelle Andere hindurchgehen. Beide Autoren beschrieben die Spiegelfunktion des Objekts. Nach Winnicott (1967) wird dem Kind sein „wahres“ Selbst widergespiegelt, während Lacan (1949/1977) diese Spiegelung als den Beginn einer lebenslangen Entfremdung verstand, in der das Ich, das das Objekt des Begehrens der Anderen sein möchte, andere Formen annimmt, um es selbst zu sein. Eine ehemalige Lacan-Schülerin, Piera Aulagnier (2001 [1975]) vertiefte das Verständnis der intimen Aufgabe, die der frühen Bezugsperson mit Blick auf die Repräsentationsaktivität des Säuglings zukommt. Sie erläuterte, dass der „gesprochene Schatten“ des mütterlichen Diskurses immer eine „Gewalt der Antizipation“ in sich berge, und schrieb: „Somit ist der Diskurs der Mutter für den

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