Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Die Unfähigkeit zu sublimieren kann in der Entwicklung von Kindern und Heranwachsenden zu schweren Psychopathologien führen (de Mijolla-Mellor 2005), und zwar vor allem zu persistenten Kompromissbildungen unter Beteiligung von Sexualität und Gewalt. Im Gegensatz zu solchen Entwicklungsstörungen kann man die sekundäre Hemmung eines bereits entwickelten Ich-Interesses im Falle der „Erfolgsneurosen“ beobachten, aber auch bei plötzlich auftretenden Störungen der Hobbys erwachsener Menschen (Cath et al. 1977), wenn die Aktivität erneut „vertrieblicht“ wurde. Cath (1977) beschreibt das Beispiel einer hervorragenden Tennisspielerin, die ihrer motorischen Kontrolle ganz plötzlich infolge eines Schuldgefühls verlustig ging. Das Schuldgefühl war die Reaktion auf eine Bemerkung, die jemand hatte fallen lassen: Tennis sei „eine gute Möglichkeit, Aggression loszuwerden“. Im Bereich der Erforschung von Kunst und Kreativität hat sich das Verständnis der Sublimierung verändert. Sie wird nicht mehr als eine – wiewohl sozial wertvolle - Ich-Abwehr betrachtet, sondern als eine bedeutsame Möglichkeit, Ich-Stärke zu fordern (und damit indirekt auch als Möglichkeit, die Bandbreite der Selbst- und Objektrepräsentanzen und -symbole zu erweitern). Ein Beispiel dafür ist Gilbert J. Rose (1990), der die Konzepte Hartmanns, Kris’ und Arlows zusammenführt. Mehr dazu unten, im Abschnitt über Interdisziplinäre Untersuchungen.

III Be. Anwendung der Ich-Psychologie zur Diagnose sowie Auswahl des Behandlungsverfahrens und der Technik

III Bea. Diagnose Das Diagnostische und Statistische Manual DSM III, IV und 5 (American Psychiatric Association, 1980, 1994 and 2013) sowie einschlägige Lehrbücher nehmen auf ich-psychologische Konzepte Bezug, auch wenn dies oft nicht explizit erwähnt wird (z.B. Sadock et al. 2009). Die Untersuchung des „psychischen Status“ umfasst gewöhnlich eine Beurteilung der Ich-Funktionen und Ich-Stärken, etwa der Regulation von Wünschen, Affekten und Primärvorgang, die die autonomen Ich- Funktionen durch unbewusste Regulation vor dem Zusammenbruch schützen. Man nimmt an, dass die Ich-Stärken verschiedene Ursprünge haben: erbliche; Internalisierungen von Trost und Grenzsetzungen in der Entwicklung; angemessene sichere Bindungen; eine erfolgreiche Individuation in der Kindheit und Identitätsbildung in der Adoleszenz; und eine erfahrungsbedingte „Abhärtung“ im Erwachsenenalter. Wenngleich phänomenologische Diagnosen „psychoanalytische“ Konzepte zumeist ignorieren, leiten sie ihre Beschreibungen, ohne dass es den Verfassern bewusst wäre, von der Ich-Psychologie her. So kann man beispielsweise die

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