Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Schizophrenie als ein Syndrom betrachten, dass durch zahlreiche Defizite charakterisiert ist, nämlich durch Defizite der Integration (lose Assoziationen), der Abstraktion (Konkretismus), der Realitätsprüfung (dereistisches und paralogisches Denken) und durch ein Überwiegen des Primärvorgangs (Halluzinationen und Wahnbildungen). Robert Waelders Neuformulierung von Freuds (1900a, 1918b) Prinzip der Überdeterminiertheit als „Prinzip der mehrfachen Funktion“, in der heutigen Terminologie als wechselseitige Austauschbarkeit psychischer Elemente neuformuliert (Rangell 1983; Papiasvili 1995), kann auch auf die moderne multifaktorielle klinische Pathogenese Anwendung finden: Aktuelle statistische Zahlen lassen auf eine angeborene oder erbliche Grundlage der Fehlfunktionen des Gehirns schließen, die einigen der Ich-Defizite zugrunde liegen, die man bei Menschen mit einem schizophrenen Syndrom beobachtet (Willick 2001). Bei manchen Formen der Psychose hingegen können überwältigende äußere Faktoren (Misshandlung, sexueller Missbrauch, Krieg, Wohngegenden mit hoher Kriminalität) in der frühen Entwicklung eine „traumatische“ Ätiologie (Volkan 2015) konstituieren. Eine einheitliche Theorie der Psychosen auf Grundlage solcher Formulierungen kann jedoch irreführend sein (Willick 1994). Am anderen Ende der Skala finden sich die intakten Ich-Funktionen. Es gibt Patienten, die zwar über gravierende Probleme klagen, aber nur geringfügige oder gar keine Beeinträchtigungen der autonomen Ich-Funktionen oder der Ich-Stärken aufweisen. Sie leiden vielleicht unter Angst, Depression, Konversionssymptomen, Zwängen, Phobien oder einer Vielfalt von Persönlichkeitsstörungen, die sich praktisch vollständig konflikttheoretisch erklären lassen (Papiasvili 1995; Brenner 2006). Ein Vorteil dieser Störungen ist die „Analysierbarkeit“. Das bedeutet, dass die Abstraktions-, Integrations-, Realitäts- und Selbsterhaltungsfunktionen mehr oder weniger intakt sind. Die Patienten verfügen über genügend Impulskontrolle, Affekttoleranz und Kontrolle des Primärvorgangs; sie können sich empathisch verhalten, anderen vertrauen und emotionale Nähe aushalten (Objektbeziehungen/Bindung). Darüber hinaus sind ihre Über-Ich-Funktionen aktiv (sie können Scham- und/oder Schuldgefühle empfinden). Solche Menschen werden als „neurotisch“ angesehen, weil ihre Ich-Funktionen verhältnismäßig intakt sind und ihre Beschwerden in erster Linie durch fehlangepasste Kompromissbildungen hervorgerufen werden; hier haben wir es nicht mit Defiziten zu tun, sondern mit „überdeterminierten“ Lösungsversuchen (Waelder 1936a) zugrundeliegender intersystemischer Konflikte zwischen libidinösen und aggressiven Wünschen, Über- Ich, Realität sowie den daraus resultierenden Affekten und Abwehroperationen. In jeder Entwicklungsphase kommte es zu mannigfachen Kompromissbildungen (Blackman 2013). Manchmal schützt Material aus einer vorangegangenen Phase vor dem Bewusstwerden späterer Konflikte („libidinöse Regression“, Freud 1905b); in anderen Phasen schützen Konflikte in der späteren Entwicklung vor unbewussten Konflikten aus einer früheren Phase (auf die der Behandler mit der Technik der

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