Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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weil es aus der Bedeutung und aus der Signifikation herausisoliert wird (Laplanche 1987; Tessier 2014a, 2014b). Ebenso wie andere Autoren, die die Verwendung des US-amerikanischen Intersubjektivitätskonzeptes in der Psychoanalyse kritisieren, lehnt auch Laplanche Konzepte wie Subjekt, Subjektivität und Intersubjektivität ab. Seiner Ansicht nach ist die Psychoanalyse ein Kind der Entdeckung, dass das sexuelle Unbewusste, das sich wie eine dem Individuum fremde Kraft manifestiert, der Erziehung oder dem guten Willen unzugänglich und auf eine Psychologie der Bedürfnisse und der Motivation nicht reduzierbar ist. Laplanches Auseinandersetzung mit der relationalen und der konstruktivistischen Orientierung der amerikanischen Psychoanalyse dreht sich auch um das Thema Entfremdung: Indem sie den „fremden“ Charakter des Unbewussten und der Art und Weise, wie unbewusste Phantasien sich zu erkennen geben, ablehnen, haben die relationalen Schulen sich nach seiner Meinung selbst der Möglichkeit beraubt, eine Aufhebung der Entfremdung zu denken. Das heißt, sie lassen die Gelegenheit ungenutzt, die emanzipatorische Wirkung der Psychoanalyse zu erklären (Laplanche 1999b, 1999c). III. Ccc. Green und Roussillon: Eingeschränkte Akzeptanz der Intersubjektivität innerhalb der intrapsychischen/intersubjektiven Dialektik Obgleich die US-amerikanische intersubjektive Orientierung als solche von der französischen Psychoanalyse nur sehr zurückhaltend rezipiert wird, haben die britische Objektbeziehungstheorie und die britische Middle School in französischen Psychoanalysekreisen beträchtlichen Einfluss erlangt – mit dem Ergebnis, dass das Intersubjektivitätskonzept über die gewöhnlich so bezeichnete Dialektik zwischen dem Intrapsychischen und dem Intersubjektiven (Green 2002) oder zwischen dem Intrapsychischen und dem Interpersonalen (Roussillon 2004) integriert wurde. André Green (2002) spricht gewöhnlich nicht von der Intersubjektivität an sich, sondern vom Intersubjektiven – „das Intersubjektive“. (Durch die Substantivierung des Adjektivs und den vorgestellten bestimmten Artikel wird der Begriff abstrakter, philosophischer. In der französischen Psychoanalyse ist dieser Sprachgebrauch üblich, vgl. etwa „le sexuel“, „l’infantile‘, „l’actuel“, ‚le négatif“, ‚le pulsionnel“. ) Im Gegensatz zu Laplanche und anderen, die Freuds (erste) Topik bevorzugten, verwies Green in seinen zahlreichen Schriften auf die zweite Topik, die Strukturtheorie, die er in Bezug auf die Arbeit mit nicht-neurotischen Patienten für hilfreicher hielt. Green vertrat die Ansicht, dass die Dynamik zwischen dem Intrapsychischen und dem Intersubjektiven schon in Freuds Theorie angelegt war, nämlich durch die Bezugnahme auf das Objekt. Er schließt sich den kritischen Stimmen gegen das amerikanische relationale Paradigma in der Psychoanalyse an und behauptet, dass es

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