Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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In seinen späteren Arbeiten verbindet Rose (2004) die Ambiguität der Metaphernbildung des Primärvorgangs (E. Kris 1952) mit den durch die unbewusste Phantasie stimulierten Affekten (Arlow 196) und Studien über die zentral-visuelle Informationsverarbeitung und den (primären und sekundären) neural-sensorischen „Mappingmustern“ (Zeki 2001; Damasio 2003) und vertritt die These, dass ästhetische Formen den Sinneseindruck der Wahrnehmungsambiguität binden, was direkt zu Affekten führt, die sekundär durch unbewusste Phantasie ausgearbeitet werden. Vor allem mit Blick auf die nonverbalen Künste postuliert er eine Verbindung zwischen den Künsten und der präverbalen Entwicklung, in der Sinnesdaten intrinsisch mehrdeutig und auf mannigfaltige Weise interpretierbar waren: „Zusammen mit den frischen Affekten, die eine solche Wiederentdeckung begleiten, findet dies innerhalb der Regulation der sicheren haltenden Umwelt der ästhetischen Form statt. Mithin könnte man sagen, dass nonverbale Kunst auf höheren Ebenen jene Affektregulation fortsetzt, die präverbal begonnen hat“ (Rose 2004, S. 427).

III C. SPEZIFISCH EUROPÄISCHE ENTWICKLUNGEN DER ICH- PSYCHOLOGIE

Europäische Analytiker dokumentieren und rekonstruieren die verschiedenen Zugänge zur Ich-Psychologie unter Berufung auf Otto Fenichel , der in seinem Vortrag „Die Psychoanalyse des Charakters“ von 1941 erklärte, dass die Psychoanalyse „einfach auf die Ichpsychologie ausgedehnt werden“ müsse (Fenichel 1941/1998, S. 225). Als ersten Grund nennt er das klinische Phänomen des Widerstandes: „Die Notwendigkeit, diese Widerstände zu analysieren, führte in der Praxis zur psychoanalytischen Ichpsychologie“ (ebd., S. 226). Zu den frühen Beiträgen aus den Jahren vor Ausbruch des 2. Weltkriegs zählt Anna Freuds besondere Beschäftigung mit der Entwicklungspsychologie in Verbindung mit konzeptueller und diagnostischer Forschung. Paul Federn verstand die Ich-Psychologie als Möglichkeit, besser zu verstehen, wie die klinischen Probleme von Patienten mit einem beschädigten Ich formuliert und behandeln werden können. Auf diesem Gebiet leistete er ebenso wie Anna Freud auf ihrem Pionierarbeit. Auch Sándor Ferenczis Arbeit mit schwer traumatisierten Patienten ist unter den europäischen Beiträgen der Jahre vor dem 2. Weltkrieg zu erwähnen. Die Ich-Psychologie war die wichtigste Inspirationsquelle für Alexander Mitscherlich , der bis zu seinem Tod im Alter von 73 Jahren – er starb 1982 – in der BRD mannigfaltige Beiträge leistete, um nicht nur seinem Volk zu helfen, die unvorstellbare Katastrophe der zwölfjährigen Naziherrschaft durchzuarbeiten. Darüber hinaus war es sein Ziel, eine aufgeklärte und sozialkritische Psychoanalyse nach Deutschland zurückzuholen. Der gemeinsame Nenner seiner Arbeiten war Freuds Plädoyer für ein stärkeres Ich, das „die Stimme des Intellekts“ zu hören und ihr zu folgen vermag (Freud 1927c).

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