Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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1928). Durch seine systematische Arbeit mit einer großen Bandbreite traumatisierter und dissoziierter Patienten war er zu der Auffassung gelangt, dass das eigentliche Problem des Ichs nicht in dessen Autonomie gegenüber dem Drängen der Triebe bestehe, wie die Ich-Psychologie dies vorsah, sondern in der Aufrechterhaltung seiner Grenzen und des Selbstgefühls. Zwei Beiträge von Franz Alexander sind in Bezug auf die Rezeption von Freuds Strukturmodell und die allmähliche Ausarbeitung seiner technischen Konsequenzen aufschlussreich: Bonomi zufolge ist sein 1925 – also noch in Berlin - entstandener Aufsatz „Metapsychologische Darstellung des Heilungsvorganges“ und die schon in Chicago verfasste Arbeit „Das Problem der psychoanalytischen Technik“ (1935/1937). In dem früheren Beitrag, von Bergmann und Hartmann (1976, S. 99) als „eine der frühesten Reaktionen der psychoanalytischen Technik auf die Strukturtheorie“ bezeichnet, präsentierte Alexander als erster Analytiker überhaupt die Überlegung, dass „die psychoanalytische Technik ihre Energie auf die Schwächung der Strenge des Über-Ichs konzentrieren“ sollte (Bergmann und Hartmann 1975, S. 99). In der zweiten Arbeit findet sich ein ganz anderer Blickwinkel: „In der analytischen Therapie sind unsere stärksten Verbündeten das Ausdrucksbestreben der unbewußten Kräfte und die einordnende Tendenz des bewußten Ichs. […] Nunbergs These, daß die psychoanalytische Behandlung nicht nur ein analytischer, sondern auch zugleich ein synthetischer Prozeß ist, besitzt volle Gültigkeit. […] Ohne uns darüber ganz klar zu sein, tragen wir doch durch unsere Deutungen zur Synthese des Ichs bei.“ (Alexander 1935/1937, S. 94) Otto Fenichel , dessen Werk in Europa mindestens so einflussreich war wie in Nordamerika, begrüßte die Ich-Psychologie als eine Perspektive, die es ermöglichen würde, nicht nur das klinische Phänomen des unbewussten Widerstands besser zu erklären, sondern darüber hinaus auch Grundprinzipien der analytischen Technik präziser zu formulieren. Dass „die Ich-Psychologie der Hartmann-Ära um Jahrzehnte vorausging“ und dass tatsächlich „Otto Fenichel der führende Ich-Psychologe war“ (Bergmann 2000, S. 4, 67), belegt eine große Anzahl ich-psychologischer Beiträge, die Fenichel verfasst hat – beginnend mit seiner Abhandlung „Die Identifizierung“ von 1926 (Fenichel 1926/1998). Zwischen 1935 und 1941 schrieb Fenichel eine einflussreiche ich-psychologische Arbeit nach der anderen: über die psychoanalytische Technik (1935/1998; 1941/1998), über frühe Phasen der Ich-Entwicklung (1937/ 1998), über Ich-Stärke, Ich-Schwäche und diverse Ich-Störungen (1938/)1998), über Abwehrmechanismen (1940/1954) sowie über Charakter (1941a/1998) und Affekte (1941b/1998) – immer mit Blick auf die jeweiligen behandlungstechnischen Implikationen. In seiner Arbeit „Zur Theorie der psychoanalytischen Technik“ schreibt Fenichel (1935/1998): „Heute steht die Psychologie des Ichs im Mittelpunkt der Forschung“ (S. 344). In seinem Vortrag „Strukturelle Gesichtspunkte der Deutung“

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