Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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(1941/2001) schreibt er, der Analytiker arbeite „ ausschließlich am Ich “ (S. 65). Resümierend heißt es weiter: „Den Satz von Anna Freud […], der Analytiker verrichte seine Deutungsarbeit von einem Standpunkt aus, der von Ich, Es und Über- Ich gleichmäßig distanziert sei, möchte ich also dahin kommentieren, daß er alle drei Seiten der psychischen Phänomene sehen und im Kampf der Instanzen untereinander neutral bleiben muß. Im Prinzip aber beginnt er seine Tätigkeit immer am Ich, und nur durch das Ich kann er Es und Über-Ich überhaupt erreichen; in diesem Sinne steht er dem Ich immer näher als dem Es“ (S. 76f.). Gleichermaßen relevant für die heutige klinische Arbeit ist der phänomenologische ich-psychologische Ansatz, den Paul Federn entwickelte. Federn konzipierte die Psychosen, insbesondere die Schizophrenie, nicht als psychischen Konflikt, sondern als ein mit der familiären Umwelt des Patienten zusammenhängendes psychisches Defizit. Psychoanalytisch ausgedrückt, ist eine Psychose laut Federn eine „Krankheit des Ichs“, die durch eine „schwache Besetzung des Ichs“ charakterisiert ist und mit einem „pathologischen oder geschwächten Ich- Gefühl“ einhergeht (Federn 1952). Edoardo Weiss stellte Federns Schriften 1952 in der Anthologie „Ego- Psychology and the Psychoses“ zusammen. Der Band dokumentiert Federns klinische Arbeit mit psychotischen Patienten und seine Erforschung ihres Ichs (Federn 1952). Sowohl in historischer als auch in konzeptueller Hinsicht beachtenswert ist Federns Konflikt zwischen seinem Bedürfnis, seine Nähe zu Freud zu bewahren (zu dessen offiziellem Vertreter er nach 1923 gemeinsam mit Anna Freud in Wien geworden war), und seiner theoretischen und klinischen Orientierung, die das Bedürfnis zu erkennen gibt, sich seinem klinischen Interesse an Patienten mit Schwersterkrankung zu widmen und seine eigene Theorie, d.h. seine eigene Ich- Psychologie, zu entwickeln. III Cb. Drei Autoren, die vor und nach dem 2. Weltkrieg aktiv waren Nicht allein Edoardo Weiss (1889-1970) und Anna Freud (1895-1982), sondern auch Gustav Bally (1893-1966) waren vor und nach dem 2. Weltkrieg auf dem Gebiet der Ich-Psychologie aktiv. Was Ballys ich-psychologischen Beitrag angeht, so wird sein 1932 veröffentlichter Artikel “Frühe Entwicklungsstadien des Ichs. Primäre Objektliebe” zweimal von Heinz Hartmann (1939/1960) in dessen Monographie Ich-Psychologie und das Problem der Anpassung erwähnt. 1925 gehörte Weiss zu den Mitbegründern der Italienischen Psychoanalytischen Gesellschaft und gründete die Rivista Italiana di Psicoanalisi. In dieser Zeitschrift veröffentlichte er mehrere ich-psychologische Beiträge, zum Beispiel „Il Super-io“ (1933, Das Über-Ich) und „La parte inconscia dell’Io“ (1934, Der unbewusste Teil des Ichs). Seine Toleranz und sein Pluralismus haben die

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