Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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und Präferenzen bezüglich des Selbst und der Kräfte, die uns helfen, uns zu verändern, zu befragen. Hector Fiorini (2007) hat viele Jahre lang auf dem Feld gezielter Therapien gearbeitet und praktiziert eine Psychoanalyse, die er selbst als „offen“ definiert. Unter „offener Psychoanalyse“ versteht er die laufende Weiterentwicklung psychoanalytischer Theorie und Praxis einschließlich zahlreicher behandlungstechnischer Innovationen, die nach Freud eingeführt wurden. Er konzipiert therapeutische Prozesse als systematische Arbeit, die die kreativen Fähigkeit der Patienten und der Analytiker aktiviert. Fiorini vertieft die Untersuchung von Themen, denen sich Jungianer, Psychodrama-, Gestalt-, transpersonale und bioenergetische Schulen gewidmet haben. Er stützt sich auf Aspekte des Freud’schen Werkes, die in diese Richtung weisen, und führt Kategorien ein, die in der Freud’schen Metapsychologie nicht enthalten sind. Das Nachdenken über spezifische Situationen, d.h. die Erforschung einer Psyche, die nicht abstrakt, sondern situiert ist, setzt voraus, das man psychische Erfahrung in ihrer Einbettung in reale Lebenssituationen betrachtet. Ruben Zukerfeld (2004, 2009) hat in seiner eigenen Arbeit und in seiner Kooperation mit Zonis de Zukerfeld häufig von einer Version der „dritten Topik“ gesprochen und diese als eine „graphische metaphorische Repräsentation der Heterogenität und der Koexistenz unbewusster Funktionsmodi mit einer repräsentationalen und einer nicht- repräsentationalen Struktur“ definiert, „die die metapsychologische Perspektive multipler, simultan operierender Gedächtnissysteme konstituiert“. Ausgehend von psychoanalytischen Überlegungen zur frühen Psyche, die in den vergangenen Jahrzehnten formuliert wurden, entwickelt Zukerfeld (2009) das Konzept tertiärer Prozesse. Demnach ist eine „radikale unbewusste Heterogenität“ von Anfang an vorhanden; fast alle post-freudianischen Denker, so Zukerfelds Behauptung, sprechen über unterschiedliche Modi unbewusster Verarbeitung. Bei Bion ist von Beta- Elementen und einem Beta-Schirm die Rede, „einer unintegrierten Agglomeration und namenlosen Angst“. Winnicott beschreibt die Angst vor dem Zusammenbruch als „Zeichenspur, die nicht symbolisiert werden konnte“. Lacan verweist auf „das Reale außerhalb der Sprache, das der Symbolisierung nicht zugänglich ist“. Zukerfeld bezieht in diese Kategorie auch Piera Castoriadis-Aulagniers (1975) Konzepte des „Originären“ und des „Piktograms“ ein; Joyce McDougalls (1991) „Theater des Unmöglichen“ und die archaische Hysterie; M’Uzans (1994 [1978]) grundlebende „Spaltung“; Pierre Martys (1990) „parallele Dynamiken“; André Missenards (1990) Konzept des „Unrepräsentierbaren“; Guy Rosolatos (1978) Konzept des „Unbekannten und Nicht-Kennbaren“; Kaës’ (1976) archaische und „radikale Negativität“; Roussillons (2004a, 2004b) „Vor-Verdrängungs-Unbewusstes“; Césare Botellas (2005) Delegation des „Nicht-Darstellbaren“ und des „psychischen Jenseitslandes“; Greens (1998) Überlegungen zum „Prä-Psychischen“, zur „Arbeit des Negativen“ und zur Spaltung; Julio Aragonés‘ (1999) Konzept des „doppelt

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