Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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mit seiner Frau Margarete Mitscherlich-Nielsen geschrieben hatte (A. und M. Mitscherlich 1967). Hermann Argelander (1920-2004) entwickelte das wichtige Konzept des „szenischen Verstehens“, dem er eine „szenische Funktion des Ichs“ zugrunde legte (Argelander 1970, 2013; Conci 2017). In einer Reihe von Artikeln beschrieb Argelander die psychoanalytische Arbeit als einen Dialog, der mit der Beteiligung des Analytikers am Gefühlsleben des Patienten einhergeht und diese voraussetzt. Die aus dieser Interaktion hervorgehende Beziehung ermöglicht es dem Patienten, die unbewussten Konflikte zu äußern, die ihn bewogen haben, den Analytiker aufzusuchen. Sie finden nun Ausdruck in unbewussten Verhaltensweisen und/oder strukturierten Szenen, denen der Analytiker mehr oder weniger bewusst seinen eigenen Beitrag hinzufügt. Im Lichte der Arbeit, die Paul Parin innerhalb und außerhalb psychoanalytischer Institutionen leistete, klassifizierte sein Zürcher Kollege Thomas Kurz (2017) ihn – zusammen mit Alexander Mitscherlich und Johannes Cremerius – als Mitglied der sogenannten freudianischen Linken (Jacoby 1983), als deren Begründer Otto Fenichel gilt. Für sie alle erwies sich die Ich-Psychologie als die ergiebigste Perspektive, um die Beziehung zwischen dem Individuum und seiner Gesellschaft zu erforschen. Otto Kernberg hat Joseph Sandlers Werk und Vermächtnis treffend charakterisiert, und zwar in seinem Beitrag zu einem Sonderheft des Psychoanalytic Inquiry , das 2005 zu Sandlers Ehren erschien. Kernberg (2005) schrieb: „Ich glaube, wir dürfen mit Fug und Recht sagen, dass Joseph Sandler mehr als jeder andere für die Integration der klassischen Ich-Psychologie mit der modernen Objektbeziehungstheorie geleistet hat, und zwar auf theoretischer ebenso wie auf klinischer Ebene“ (S. 174). In ihrem Buch Psychoanalyse und die Psychopathologie der Entwicklung stellen Peter Fonagy und Mary Target die wichtigsten Konzepte Joseph Sandlers zusammenfassend dar (Fonagy und Target 2003/2006), und zwar im Anschluss an ihre Erörterung der Entwicklungsmodelle von Anna Freud und Margaret Mahler. Fonagy und Target führen u.a. folgende Veröffentlichungen Sandlers auf: “The background of safety” (1960a; auch in Sandler,1987), “The concept of superego” (1960b; auch in Sandler 1987), “Countertransference and role-responsiveness” (1976), “On the development of object relationships and affects” (zusammen mit Anne-Marie Sandler 1978), “The past unconscious, the present unconscious, and interpretation of the transference” (zusammen mit Anne-Marie Sandler 1984), und “On the structure of internal objects and internal objects relationships” (1990). Wenngleich Joseph Sandlers Werk europaweit, z.B. in Italien und Deutschland, positiv auf- und angenommen wurde, ist es möglich, dass viele Kollegen ich-psychologisch arbeiten, ohne es sich klarzumachen.

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