Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Für die analytischen Richtungen, die die italienische Psychoanalyse in den 1950er bis 1980er Jahren prägten, hat Hartmanns Ich-Psychologie nie eine zentrale Rolle gespielt (Conci 2019). Seit den 1990er Jahren aber wurden von Stefano Bolognini (2004, 2011) eine ganze Reihe theoretischer und klinischer Konzepte entwicklt, die ihre Ursprünge in der nordamerikanischen Ich- und Selbstpsychologie haben (Conci 2019). Bolognini formulierte das Konzept der Beziehung zwischen dem Ich und dem Selbst eines Individuums als verdichtetes intrapsychisches funktionales Äquivalent der frühen Mutter-Kind-Beziehung: „Das Ich behandelt das Selbst mehr oder weniger genauso, wie die Mutter (in einem sehr allgemeinen, aber in erster Linie psychischen Sinn) ihr eigenes Kind behandelt hat“ (Bolognini 2019, S. 115). Besondere Aufmerksamkeit widmet Bolognini folgerichtig den zahlreichen Situationen, in denen das Selbst außerordentlich leidet und das Funktionieren des Ichs häufig verändert ist: „regrediert, berauscht/betäubt, projektiv verzerrte Realitätswahrnehmung, düster und hoffnungslos, verfolgt“ usw. (Bolognini 2019, S. 118). Bologninis Schriften durchzieht die Überlegung, dass Ich und Selbst einander wechselseitig bedingen , so dass Ich und Selbst sowohl des Analytikers als auch des Patienten in der Analyse kontinuierlich interagieren und die „Analyse mit dem Ich“ und die „Analyse mit dem Selbst“ einander fortwährend unbewusst abwechseln (Bolognini 2004). Ein weiterer Autor, der zum weltweiten Wiederaufleben der modernen Ich- Psychologie beigetragen hat, ist Cecilio Paniagua (1991, 2008, 2014). Er absolvierte sein Medizinstudium in Spanien, lebt und praktiziert in Madrid und hat seine psychiatrische und psychoanalytische Ausbildung in den USA absolviert. Weil er sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch publiziert, wird er nicht nur in Teilen Nordamerikas und Europas, sondern vor allem auch in Lateinamerika wahrgenommen (siehe unten). In seinen zahlreichen Schriften, in denen er Paul Grays „mikrostrukturellen“ Zugang zum strukturellen Konflikt weiterentwickelt, indem er den im analytischen Prozess auftauchenden Übertragungswiderständen besondere Aufmerksamkeit widmet, zeigt er, dass die mit Freuds Strukturtheorie vereinbare klinische Technik einen in höherem Maß naturalistischen und spezifischen Zugang zur Analyse unbewusster Konflikte ermöglicht – d.h., auf eine paradoxe Weise die Es-Analyse erleichtert . Der Einfluss der Suggestion wird minimiert, und der Patient wird aktiv beteiligt an der Beobachtung der Mikro-Interferenzen in den assoziativen Verknüpfungen seiner eigenen Gedanken, Emotionen und Empfindungen. So wird er zu einem aktiven Partner bei der Erforschung seiner Triebabkömmlinge.

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