Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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III Cd. Ich-Psychologie in Israel Die Schicksale der Ich-Psychologie in Israel sind in vielerlei Hinsicht charakteristisch für das Schicksal und die Veränderung, die sie in Europa insgesamt erfahren hat. Die Israelische Psychoanalytische Gesellschaft bestand in der Zeit vom 2. Weltkrieg über die 1960er bis hinein in die 1970er Jahre vorwiegend aus europäischen Emigranten und spiegelte infolgedessen die Situation der meisten europäischen psychoanalytischen Gesellschaften wider. Unter diesem Blickwinkel ist das auftauchende Bild durchaus variabel. Diejenigen, die ihre Ausbildung vollständig oder teilweise in den USA absolviert hatten, galten eindeutig als Ich-Psychologen, während diejenigen mit lateinamerikanischem Hintergrund von der kleinianischen Psychoanalyse stark beeinflusst waren. Diese unterschiedlichen Orientierungen spiegelten sich in unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Schwerpunkten wider: einerseits in einer klaren Orientierung auf Diagnose, psychische Struktur, Charakterbildung und Abwehrkonstellationen – andererseits auf Objektbeziehungen und Triebe sowie damit zusammenhängende Abwehrmechanismen, vor allem Neid, Aggression, Projektion und projektive Identifizierung. Seit den 1980er Jahren aber prägte eine „Rebellion“ gegen die Ich- Psychologie die weiteren Entwicklungen in der Israelischen Psychoanalytischen Gesellschaft, eine Abwendung von der Ich-Psychologie, die viele nun als distanziert, verkopft, nicht erfahrungsnah und nicht hinreichend fürsorglich betrachteten. Die Betonung verlagerte sich fortan auf Objektbeziehungstheorien, Selbstpsychologie, Winnicottianische Psychoanalyse, relationale und intersubjektive Orientierungen und später auf die Wiederbelebung der kleinianischen und bionianischen Psychoanalyse. Zur Zeit existieren all diese Orientierungen nebeneinander – eine Polyphonie der Stimmen, repräsentiert und unterstützt durch eine Vielfalt organisierter Anhängergruppen. Ihnen allen gemeinsam aber ist die Absage an die Ich-Psychologie. Auf die Gefahr der Übervereinfachung hin: Diese Sachlage scheint sich mit der allgemeinen Situation in Europa zu decken (nicht zu vergessen ist natürlich die lacanianische Psychoanalyse). Diese Beschreibung entspricht trotz mancher Verallgemeinerung der augenblicklichen Situation. Trotzdem sind weitere wichtige Punkte zu erwähnen, die das Bild vervollständigen. Diese Ergänzungen repräsentieren in gewisser Weise „die Wiederkehr des Verdrängten“ – nämlich das Wiederaufleben der Ich-Psychologie oder ihres Einflusses, wiewohl in ganz unterschiedlicher Verkleidung. Drei Beiträge und ihre Schicksale illustrieren diese These: der Einfluss der Ich-Psychologie auf und durch das Medium der psychologischen Testverfahren; der Beitrag Bions; und eine theoretische Weiterentwicklung der Erfahrungsfaktoren in Selbst-und-Objekt- Beziehungen (siehe unten).

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