Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Insgesamt gesehen, haben sich lateinamerikanische Psychoanalytiker von den freudianischen und kleinianischen Traditionen, die noch vor wenigen Jahrzehnten dominierten, entfernt. Zu einem gewissen Grad und vor allem an den Universitäten herrscht das lacanianische Denken vor. Doch viele Psychoanalytiker, die sich mit verschiedenen theoretischen Denkweisen identifizieren, arbeiten mit ihren Patienten in einer Weise, die der Haltung relationaler/intersubjektiver Analytiker sehr nahe kommt. Im allgemeinen nehmen sie auf die Standardautoren des relationalen/intersubjektiven Feldes in ihren Veröffentlichungen kaum Bezug; dennoch kann man ihre Arbeitsweise als intersubjektiv bezeichnen. Empathie als Instrument und die Anerkennung des partizipativen Dialogs bestimmten die klinische Praxis der Region. Diese Arbeitsmethode setzt ein hohes Maß an Engagement im analytischen Prozess und eine Priorisierung des subjektiven Erlebens voraus. Zudem erhält die Notwendigkeit, diese Erfahrung zu den kulturellen Kontexten in Beziehung zu setzen, denen die Mitglieder des therapeutischen Paares angehören, besondere Bedeutung. Nach und nach entwickelt sich in Lateinamerika das Konzept der gemeinsamen Konstruktion der Erfahrung, womit ein weiteres Kernkonzept des relationalen/intersubjektiven Denkens Anwendung auf die klinische Begegnung findet. Eine große Zahl lateinamerikanischer Beiträge zur Intersubjektivität findet sich in Artikeln, die in den Online-Zeitschriften Psicoterapiarelacional und Aperturas Psicoanalíticas auf Spanisch veröffentlicht wurden.

IV. INTERDISZIPLINAERE FORSCHUNG: NEUROBIOLOGISCHE GRUNDLAGEN DER INTERSUBJEKTIVITAET

In der neurobiologischen Literatur der vergangenen 30 Jahre erwies sich die rechte Hirnhemisphäre als dominant für unsere subjektiven emotionalen Erfahrungen (Amanniti 1996, 2009; Wittling 1997; Schore 1999, 2003, 2010). In diesem Kontext wird der „interaktive Affekttransfer zwischen den rechten Gehirnen“ der Mitglieder sowohl der Mutter-Baby- als auch therapeutischer Dyaden als „Intersubjektivität“ bezeichnet (Schore 2016). Von besonderer Relevanz sind Studien über die psychobiologische Intersubjektivität – z.B. Studien über die Mutter-Kind-Beziehung von Ruth Feldman (2007) auf den Gebieten der Synchronizität biologischer Rhythmen, z.B. des synchronisierten Herzschlags, der gemeinsamen Zeitperspektive und synchronisierter Cortisolspiegel bei Babys mit depressiven oder emotional labilen Müttern. Unterschieden wird zwischen zwei Modi der „intersubjektiven Verbindungen“. Der erste ist ein eher unmittelbarer Modus und hängt mit dem neuronalen Spiegelsystem zusammen, das aktiviert wird, wenn eine Person eine andere erblickt und ihr ins Gesicht schaut, um ihren Emotionsausdruck zu

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