Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Nach dem 2. Weltkrieg entstanden in der lateinamerikanischen Psychoanalyse durch die Emigrantionsbewegung aus Europa in die Vereinigten Staaten und nach Südamerika ein ich-psychologischer Einflussbereich und ein zweiter Bereich, für den die britischen Objektbeziehungstheorien maßgeblich waren. Insbesondere die „amerikanische Ich-Psychologie“, die ihren Ursprung in den USA (nicht in Europa) hatte, stand in Opposition zu den britischen Objektbeziehungstheorien. Darüber hinaus existierte auch zwischen dem französischen und dem angelsächsischen Einfluss auf die Entwicklung der Psychoanalyse in Lateinamerika eine Spaltung (Roudinesco 2000), die später die Rezeption und Weiterentwicklung der Ich-Psychologie in der Region beeinflusste. Infolge verzögerter Übersetzungen und der Kritik seitens der kleinianischen wie auch der französischen psychoanalytischen Traditionen wurde das ich- psychologische theoretische Interesse an einer psychischen Oberfläche und vorbewussten Phänomenen missverstanden und mit einer kognitiv-behavioralen Theorie bar aller libidinösen Aspekte, unbewussten Phantasie und Subjektivität verwechselt. Infolgedessen geht es ungeachtet theoretischer und kultureller Kontroversen mitunter mehr um den – in Lateinamerika unpopulären – Begriff „Ich-Psychologie“ an sich als um den tatsächlichen konzeptuellen Bezugsrahmen und klinischen Ansatz. III Da. Frühe Entwicklungen und Einflüsse: Die historische Anfänge der ich-psychologischen Theorie in Lateinamerika lassen sich auf Freuds Untersuchungen des Ichs, der infantilen Sexualität, des Narzissmus, der Psychologie der Massen, der Strukturtheorie in „Das Ich und das Es“ von 1923 „Hemmung, Symptom und Angst“ von 1926 zurückzuführen. Die Kenntnis von – und Vertrautheit mit – Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen (1936), Heinz Hartmanns „Ich-Psychologie und Anpassungsproblem“ (1939) und David Rapaports Organization and Psychopathology of Thought (1951) als systematische und hierarchische Organisation ich-psychologischer Konzepte variiert in den verschiedenen psychoanalytischen Kulturen Lateinamerikas. III Daa. Ramón Parres und die „Klassische Ich-Psychologie“ in Mexiko Einer der Gründer der 1956 ins Leben gerufenen Mexikanischen Psychoanalytischen Vereinigung (Asociación Psicoanalítica Mexicana APM), Ramón Parres, studierte Psychiatrie an der Columbia University in New York, wo er auch die psychoanalytische Ausbildung absolvierte. Ihn hat die ich-psychologische Perspektive erheblich beeinflusst.

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