Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Ferenczi, Balint, Fairbairn, Bowlby, Winnicott und Kohut zurückgeht, an Konzepte zeitgenössischer nordamerikanischer selbstpsychologischer, relationaler und intersubjektiver Theoretiker an – z.B. Lichtenberg, Mitchell, Stern, Stolorow, Renik, Benjamin u.a.m. – und enthält insofern einen Paradigmenwechsel, als der Kliniker zu einem „Vermittler“ der Analytiker-Patient-Beziehung wird. Der relationale Ansatz arbeitet auch die Theorie der primären Motivation weiter aus und bezieht jenseits der ödipalen Wünsche insbesondere Spiel, Bindung und Anerkennung mit ein. Zu den Konvergenzen zwischen Link- und relationalem Ansatz zählt die Konzeptualisierungen der Übertragung als eines nicht lediglich repetitiven, sondern neuen Ereignisses. Beide Theorien messen der „Chance“ und dem „Ereignis“ als psychischen Motivatoren besondere Bedeutung bei. In Europa wurzeln die Intersubjektivitätstheorien in der Entwicklung der Kinderanalyse, in der Konzeptualisierung der projektiven Identifizierung, in einem erweiterten Verständnis der Gegenübertragung und in der theoretischen Reflexion des Subjekts, der Subjektwerdung (Cahn) und des Objekts. Ebenfalls einflussreich waren Feldtheorie und Enactmentkonzept, beide aus Nord- bzw. Lateinamerika stammend. Eines der für Europa spezifischen Merkmale sind vielleicht die fortdauernde große Bedeutung der Freud’schen Metapsychologie und klinisch die gründliche Erforschung der Schwierigkeiten, die in der analytischen Arbeit mit Adoleszenz, Borderline- Pathologie, Gruppen und Psychose auftauchen. Im europäischen Mainstream bedeutet Intersubjektivität, in der psychoanalytischen Behandlung der Anwesenheit zweier Subjekte mit Trieben und einem Unbewussten sowie der wechselseitigen Beeinflussung von Patient und Analytiker Rechnung zu tragen. Darüber hinaus vertreten europäische Analytiker ein nuancenreiches Spektrum an Unterschieden zwischen Interaktion, Interpsychischem (Bolognini, Brusset), Interpersonalem (Bolognini) und Intersubjektivität (Green, Roussillon). Betrachtet man all die unterschiedlichen psychoanalytischen Sichtweisen der Intersubjektivität in ihren eigenen, in den jeweiligen kulturellen Kontext eingebundenen Terminologien, so zeichnet sich ein reiches, multidimensionales, vielschichtiges Bild der Intersubjektivität ab, innerhalb dessen wechselseitige Befruchtungen denkbar sind, sofern die verschiedenen Ansätze zu koexistieren und zu kommunizieren lernen. Präziser ausgedrückt: Es ist möglich und wünschenswert, die Schlussfolgerungen, zu denen sie jeweils gelangt sind, miteinander zu vergleichen, und zwar nicht allein mit Blick auf ihr Verständnis des psychischen Funktionierens und der Dysfunktionen, die Symptome und Charakterpathologien hervorbringen, sondern auch hinsichtlich ihrer Therapievorschläge. Systematische Vergleiche dieser Art lassen ein reiches Bild der Divergenzen und Konvergenzen entstehen, die es zu erforschen und detailliert zu erklären gilt. Während die Beziehung zwischen dem Gehirn und den psychischen Aktivitäten nie eine direkte ist, bestätigen moderne neurowissenschaftliche Studien über die Affektentwicklung und neuroanalytische Untersuchungen den Wert

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