Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Das nach ihm benannte Institut der APM in Mexico City bietete vielseitige ich-psychologische Seminare als Bestandteil des Kerncurriculums an. Gleiches gilt für alle übrigen psychoanalytischen Institute in Mexiko. Ein wichtiger Teil der Curricula dieser Institute sind – und dies ist eine in Lateinamerika einzigartige Situation – nicht nur Hartmann, Kris, Loewenstein, Jacobson und Anna Freud; vielmehr wird auch erwartet, dass die Kandidaten mit Eriksons psychosozialen Entwicklungsstufen und Anna Freuds Das Ich und die Abwehrmechanismen schon aus ihrem vorangegangenen Universitätsstudium vertraut sind. In seinem Buch “El Psicoanálisis como Ciencia” (Parres 1977) präsentiert Parres eine charakteristische Integration von psychoanalytischer ich-psychologischer klinischer Theorie, Methodologie und Technik einschließlich der Abwehrmechanismen, der Übertragung und des überwältigenden Einflusses unbewusster Prozesse auf das bewusste psychische Geschehen. Seit der Publikation sind die detaillierte Anamnese mitsamt einer Beurteilung der Ich-Fähigkeiten und des Ich-Funktionierens im analytischen Prozess, die Herstellung und Aufrechterhaltung des therapeutischen Bündnisses, die Untersuchung von Widerständen und Abwehrmechanismen ein wichtiger Teil des in der täglichen klinischen Praxis in ganz Lateinamerika zum Einsatz kommenden psychoanalytischen Instrumentariums – allerdings oft ohne jeden Verweis auf den ich-psychologischen Ursprung. III Dab. Ich und Selbst, Ich-Psychologie und Selbstpsychologie & frühe Bemühungen, Ich-Psychologie und Objektbeziehen zu integrieren Die Unterschiede zwischen Ich-Psychologie und Selbstpsychologie sind in Mexiko deutlich ausgeprägt, was für die anderen lateinamerikanischen Länder nicht in gleichem Maße gilt. Heinz Kohut wird zitiert, wenn die Selbstpsychologie zur Sprache kommt. Obwohl Winnicotts Konzept des wahren und des falschen Selbst das Selbst impliziert, betrachtet man ihn in Mexiko als einen Objektbeziehungstheoretiker und als Repräsentanten der britischen „middle school“ und nicht als Vertreter der Selbst- oder der Ich-Psychologie. Winnicott und Bion sind vor allem in Argentinien sehr bekannt, etwas später zogen Chile, Brasilien, Peru, Kolumbien und noch später Mexiko nach. Autoren, die in gewisser Weise auf die Selbstpsychologie vorausdeuteten, z.B. Ferenczi, Balint, Fairbairn, Bion und Winnicott, gelten in Lateinamerika als Objektbeziehungstheoretiker. Dem lateinamerikanischen Verständnis zufolge beschäftigt sich die Ich- Psychologie vorwiegend mit den Funktionen und der Dynamik des psychischen Apparates, während das Selbst andere Strukturen, nämlich Über-Ich und Es, miteinschließt. Leon und Rebeca Grinberg (1971) aus Argentinien untersuchten in ihrem Buch “Identidad y Cambio” (Identität und Veränderung) die Geschichte und Evolution der in Eriksons Identitätskonzept enthaltenen Begriffe Ich und Selbst, um

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