Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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In dieser Phase der theoretischen Entwicklung rückt das Ich ins Zentrum der klinischen Arbeit. Auf den intrapsychischen Konflikt fokussierend, schreibt Freud 1937: „Die Analyse soll die für die Ichfunktionen günstigsten psychologischen Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Aufgabe erledigt“ (Freud 1937a, S. 96). Ziel ist somit die Modifizierung des Ichs, das künftig besser mit den auf Äußerung und Befriedigung drängenden Triebanforderungen umgehen soll. Die Methode, Einsicht durch deutende Rekonstruktion und Konstruktion zu erlangen (Freud 1937b), wird verfeinert. Die mannigfaltigen Funktionen des Ichs als Initiator der Abwehr, als Entscheidungs- und Handlungsinstanz, als Kraft, die widerstreitende Aspekte des psychischen Lebens synthetisiert, und als Beurteiler und Mediator der Umweltbedingungen rücken es ins Zentrum des analytischen Interesses, und zwar „so nachdrücklich, dass die nächste Phase der freudianischen psychoanalytischen Theoriebildung unter der Bezeichnung Ich-Psychologie bekannt wurde“ (Abend 2007, S. 1420).

III. POST-FREUDIANISCHE WEITERENTWICKLUNGEN IN EUROPA UND NORDAMERIKA

Die Konzeptualisierung des Konflikts ist definierend für die psychoanalytischen Theorien nach Freud. Zwei Wege zweigten von seinem Werk ab. In Großbritannien und schließlich auch in den Vereinigten Staaten gerieten beide Orientierungen miteinander in Konflikt: Die fruchtbare theoretische Auseinandersetzung zwischen Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie inspirierte weltweit zahlreiche grundlegende Weiterentwicklungen. III. A. Die Rolle des Konflikts in der Entwicklung: Entwicklungsdefizite und Psychose Die Debatte „Konflikt versus Trauma“ erfuhr durch ein Modell des strukturellen Defizits eine Erweiterung. Die Pathogenitätstheorien rekurrieren hierbei nicht auf triebmotivierte Konflikte, sondern arbeiten mit dem Konzept eines von vornherein (durch traumatische Umwelteinflüsse oder Prädisposition) geschwächten Ichs. Damit verwandte Begriffe sind u.a. „Grundstörung“ (Balint 1968), „frühe Persönlichkeitsstörungen“ und „strukturelle Ich-Störungen“ (Fürstenau 1977). Befürworter der Defizit-Hypothese, die sich auf die Annahme kausaler, schwerer traumatischer Ereignisse in der frühen Kindheit stützt – Ereignisse, die nicht immer klar zutage treten und zumeist durch ein defizitäres Reagieren, Containen und Halten seitens der Bezugspersonen verursacht werden -, behaupten, dass das Trauma nach dem Einsetzen der Psychose die Funktion eines Defizits annimmt. Das bedeutet, dass

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