Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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II. C. Die Strukturtheorie (Zweite Topik) (1923-1937) Die nächste Phase der theoretischen Entwicklung, die Strukturtheorie (außerhalb Nordamerikas oft auch als Zweite Topik bezeichnet), begann 1923 mit der Darlegung der dreiteiligen Persönlichkeitsstruktur: Es, Ich und Über-Ich (Freud 1923). Diese Phase der Freud’schen Theoriebildung öffnete das Konfliktkonzept, denn das Ich wurde nun sozusagen in einem dreidimensionalen Schachspiel lokalisiert. In Das Ich und das Es integrierte Freud (1923a) all seine Überlegungen zum Konflikt zu einem einzigen hochkomplexen System, denn fortan muss das Ich mit mehreren konfligierenden Beziehungen kämpfen. Erstens muss es sich seinem Konflikt mit den Es-Strebungen stellen, die ihrerseits zwischen Lebens- und Todestrieben zerrissen sind. Zweitens muss das Ich in dem Konflikt zwischen diesen Impulsen und der Außenwelt vermitteln. Und drittens erzeugt das Ich in seiner Identifizierung mit seinen Objekten eine weitere, von Freud als Über-Ich bezeichnete Stufe in sich selbst, um die nun internalisierten Objekten unterzubringen. Dadurch gerät es aber auch in einen weiteren Konflikt, nämlich mit seinem Über-Ich. Die komplexe Beteiligung des Über-Ichs am Konflikt ergibt sich daraus, dass es von Freud als eine spezielle Stufe im Ich – als Ich-Ideal (Freud 1921) – sowie als Erbe des Ödipuskonflikts (Freud 1924b) konzeptualisiert wird. Die Theorie der Signalangst (zweite Angsttheorie), in der der Strukturkonflikt in all seiner Buntheit zutage trat, wurde nur wenige Jahre später entwickelt (Freud 1926). Abwehrmechanismen wurden definiert und im Ich (genauer: in seinem unbewussten Anteil) lokalisiert. Die zuvor schon definierte Verdrängung wird erweitert um Reaktionsbildung, Regression sowie Identifizierung und Projektion. Das Konzept der Verleugnung gewinnt zunehmend an Bedeutung (Freud 1923b, 1924b). Die Verdrängung gilt ausdrücklich als lediglich eine unten vielen Abwehrmechanismen. Die Angst ist nicht länger das Resultat der Abwehr, sondern wird zu ihrem Motiv (Auslöser). Psychoneurotische Symptome werden als Kompromissbildung verstanden, die aus dem Konflikt zwischen Trieben und Abwehr hervorgehen, an dem auch internalisierte moralische Ge- und Verbote (Über-Ich) sowie wahrgenommene äußere Zwänge beteiligt sind. Man bezeichnet den strukturellen Konflikt dieser Phase manchmal auch als intersystemischen Konflikt, um ihn von den intrasystemischen Konflikten innerhalb des Ichs, die Hartmann später beschrieb, zu unterscheiden. Entwicklungspsychologisch betrachtet, „wurden die Verdrängungsmotive nun als eine Aufeinanderfolge von Ängsten verstanden, die dem Kind sehr überzeugend erscheinen. Beteiligt daran sind Missbilligung und Bestrafung seitens der Eltern. Sie werden im Laufe der Entwicklung unter dem Einfluss der moralischen Instanz internalisiert, die wir unter der Bezeichnung Über-Ich kennen und die weitgehend unbewusst aktiv ist“ (Abend 2007, S. 1420). In der Strukturtheorie wird das Über-Ich zum Erben des Ödipuskomplexes.

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