Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Trauer und Melancholie, seiner Abhandlung über Verlust, Identifizierung und Konflikte im Ich (Freud 1917). Freud schreibt, dass der psychische Apparat es nicht erträgt, etwas zu verlieren, das ihm wertvoll ist und das er braucht. Deshalb wird das in der äußeren Welt verlorene Objekt in der Phantasie inkorporiert, so dass es in der inneren Welt fortbesteht – eine Möglichkeit, seine Abwesenheit in der Außenwelt zu verleugnen: „Der Konflikt im Ich, den die Melancholie für den Kampf um das Objekt eintauscht, muss ähnlich wie eine schmerzhafte Wunde wirken“ (Freud 1917, S. 446). Unter einem anderen Blickwinkel könnte man auch von einem Kampf um die Integration der Abwesenheit sprechen, die später zu einer wichtigen Dimension in Lacans Denken wurde. Die nächste Phase in Freuds Entwicklung seiner topischen Theorie begann mit der Abhandlung Jenseits des Lustprinzips (Freud 1920). Hier wird dem Sexualtrieb der Aggressionstrieb zur Seite gestellt und der Konflikt als Widerstreit zwischen Trieb und Abwehr/Verdrängung konzeptualisiert. Abwehrmechanismen verschiedener Art werden verschiedenen Phasen der Persönlichkeitsentwicklung zugeordnet. Die Angst wird weiterhin auf die Verdrängung als Ursache zurückgeführt (Erste Angsttheorie). „Verdrängung“ ist praktisch synonym mit Abwehr. In Jenseits des Lustprinzips führt Freud (1920) den Konflikt ein, der ihm fortan als primärer psychischer Konflikt gilt, nämlich den Gegensatz zwischen Leben und Tod in Gestalt von Trieben, die das Leben zu erneuern, und Trieben, die das Trauma zu wiederholen suchen, den Konflikt zwischen der Hervorbringung höherer Organismen und der Rückkehr in anorganische Materie. Auf die Veränderungen und Wendungen zurückblickend, die seine Triebtheorie im Laufe der Jahre erfahren hat, bringt Freud seine grundlegende Sichtweise des Konflikt klar zum Ausdruck: „Unsere Auffassung war von Anfang eine dualistische “ (Freud 1920, S. 57). Hier definiert Freud auch die Entwicklung als Resultat des Konflikts. Bezüglich des „Vervollkommungstriebes“ (ebd., S. 45) heißt es: „Im Verein mit den Wirkungen der Verdrängung würde es [das Bestreben des Eros, das Organische zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen] die dem letzteren zugeschriebenen Phänomene erklären können“ ( ebd., S. 45). Der Konflikt zwischen Eros und Verdrängung von Eros weckt den Drang nach Vervollkommnung, der die Sublimierungsfähigkeit fördert. Diese Zusammenhänge hatte Freud schon in seiner Arbeit über Leonardo da Vinci (Freud 1910) ausgeführt, dem ersten Werk der angewandten Psychoanalyse. Gegen Ende seines Lebens griff Freud diese Auffassung wieder auf und erweiterte ihre Relevanz. Er betrachtet den Konflikt zwischen Lebens- und Todestrieben nun als Grundlage der Konzeptualisierung allen menschlichen Verhaltens und Denkens: „[N]ur das Zusammen- und Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt die Buntheit der Lebenserscheinungen, niemals einer von ihnen allein“ (Freud 1937, S. 89).

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