Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Halluzinationen keine echte Befriedigung spenden, lernt sie, sich der Realität anzupassen, auch wenn dies unlustvoll ist: „Erst das Ausbleiben der erwarteten Befriedigung, die Enttäuschung, hatte zur Folge, dass dieser Versuch der Befriedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde. Anstatt seiner musste sich der psychische Apparat entschließen, die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die reale Veränderung anzustreben. […] Damit war ein neues Prinzip der seelischen Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm, sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte. Diese Einsetzung des Realitätsprinzips erwies sich als ein folgenschwerer Schritt“ (Freud 1911a, S. 231f.). Bion wird später an Freuds Formulierung, der psychische Apparat müsse sich „entschließen, die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen“, anknüpfen, um seine eigenen Theorien darzulegen. Zu verzeichnen ist in diesem Freud’schen Text eine subtile terminologische Veränderung, denn Freud spricht in Bezug auf den Konflikt zwischen Lust und Realität zunächst von Prinzipien und danach von unterschiedlichen Aspekten des Ichs. Die Fokussierung auf das Ich und seine Zerrissenheit zwischen zwei verschiedenen Einstellungen zur Welt markiert Freuds Einführung seiner „Psychologie des Ichs“, die bereits auf die Strukturtheorie von 1923 vorausdeutet. Was das Ich nicht annehmbar findet, verdrängt es. Dadurch erleidet die Fähigkeit des Bewusstseins, mit der Realität in Verbindung zu treten, Schaden. In der Fallgeschichte über den „Rattenmann“ fasst Freud (1909a) die Psychopathologie wie folgt zusammen: „Überdies ist durch sein ganzes Leben unverkennbar, dass in bezug auf seine Geliebte wie auf seinen Vater ein Widerstreit zwischen Liebe und Hass bei ihm bestand“ (S. 236). Vier Jahre später, in Totem und Tabu , beschreibt Freud (1912-13) dies im Zusammenhang mit Tabuverboten als emotionale Ambivalenz: „Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Verhalten des Individuums gegen das eine Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, heißen könnte. Es will diese Handlung — die Berührung — immer wieder ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie — wir können nur sagen — im Seelenleben so lokalisiert sind, dass sie nicht zusammenstoßen können“ (S. 39f.). Hier erläutert Freud die Überlegung, dass es neben den Konflikten zwischen Vorstellungen und Affekten auch Konflikte zwischen den Gefühlen an sich gibt. Die hier beschriebene emotionale Ambivalenz taucht in dem rudimentären Objektbeziehungskontext auf, der diese Phase des Freud’schen Denkens definiert. In diesem Zeitraum wendet er sich der Einführung seines Narzissmuskonzepts zu (Freud 1914), von dem später zahlreiche Objektbeziehungstheorien ihren Ausgang nehmen. Der Konflikt nimmt hier die Gestalt eines Widerstreits zwischen libidinöser Besetzung des Selbst bzw. Besetzung des Objekts an oder, um es mit seinen Worten auszudrücken, zwischen Narzissmus und Objektwahl. Besonders wichtig wird dies in

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