Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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psychoanalytischen theoretischen und klinischen Modelle im Wesentlichen vier Aspekte zum Gegenstand haben (Trieb, Ich, Selbst und Objektbeziehungen), können wir die Rolle, die der Konflikt jeweils dabei spielt, darstellen. Was den Trieb angeht, so wird das Individuum unter dem Blickwinkel der Schicksale seiner Triebstrebungen betrachtet, die in Handlungen sowie in bewussten und unbewussten, oft als unannehmbar und gefährlich erlebten Phantasien verkörpert sind. Dieser Sichtweise zufolge organisiert sich das psychische Leben um den Konflikt und seine Lösung; es ist gekennzeichnet durch Angst, Schuld- und Schamgefühle, Hemmung, Symptombildung und pathologische Charakterzüge. Der Fokus richtet sich auf Bedürfnis und Triebstrebung und ihre entsprechende Abwehr. Was das Ich anlangt, so wird das Individuum unter dem Blickwinkel seiner Fähigkeit zur Anpassung, Realitätsprüfung und Abwehr betrachtet. Diese Fähigkeiten entwickeln sich im Laufe der Zeit als Resultat der Triebkonflikt-Dynamik. Wenn man das Individuum unter dem Aspekt des Selbsterlebens betrachtet, konzentriert man sich auf den subjektiven Zustand, und zwar insbesondere im Zusammenhang mit Themen wie Grenzen, Differenzierung zwischen Selbst und Anderen, Gewahrsein der Getrenntheit, Selbstwertgefühl, Grade an Ganzheit bzw. Fragmentierung sowie Kontinuität/Diskontinuität. Der Konflikt ist hierbei für die Organisation der psychischen Struktur von untergeordneter Bedeutung. Objektbeziehungstheoretisch wird das Individuum unter dem Blickwinkel der inneren Imagines betrachtet, denen seine Kindheitserfahrungen zugrunde liegen, das heißt in Bezug auf seine Objekte, die mit jeder neuen Erfahrung ins Spiel kommen. In diesen Ansätzen spielt sich der Konflikt sowohl in der intrapsychischen als auch in der interpsychischen und interpersonalen Welt des Subjekts ab. Die Debatte Konflikt vs. Defizit setzte sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts fort. Ihre Ursprünge gehen auf eine spezifische Auslegung von Hartmanns Konzepten der Ich-Autonomie und der konfliktfreien Sphären des Ichs zurück. Die konflikttheoretische Auffassung dieser Kontroverse postuliert laut Blum (1985) und Murray (1995), dass das Ich in seiner gesamten Entwicklung in Reaktion auf äußere, innere, reale oder phantasierte Gefahren Abwehrmechanismen mobilisiert, die ihm als potente Instrumente im Dienst seines Schutzes und der Anpassung dienen. Der exzessive Einsatz von Abwehrmechanismen kann den nicht-defensiven Persönlichkeitsfunktionen abträglich sein. Abwehrmechanismen können die Persönlichkeitsentwicklung zum Beispiel beeinträchtigen, indem sie zu Einschränkungen und pathologischen Veränderungen des Ichs führen. Freuds Aussage, dass das Ich unter traumatischen äußeren Bedingungen eine Anpassung vornimmt, kann heute auch auf einen spezifischen intrasystemischen Konflikt im Ich bezogen werden. Dieser Konflikt spielt sich zwischen defensiven und nicht- defensiven Funktionen ab (Papiasvili 1995). Der Inhalt des intrapsychischen Konflikts, der von der psychoanalytischen Methode aufgespürt, aufgedeckt und analysiert wird, reicht von prägenitalen über ödipale bis zu postödipalen Schwierigkeiten. Die Zunahme an klinischem und theoretischem Wissen hatte im

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