Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Laufe der Jahre zur Folge, dass man in sämtlichen Fällen jederzeit alle Entwicklungsstufen in ihrer Aktivität beobachten kann. Auch eine Pathologie der Selbstrepräsentation im Ich ist mehr oder weniger stark ausgeprägt präsent. Eine spezifische konflikthafte Aktivität, die mit dem Defizit zusammenhängt, wurde von Axel Hoffer (1985) postuliert, der ein Konzept der Konflikte des Selbstschutzes beschrieb. Dieses Konzept erfasst spezifische intrapsychische Konflikte, die im Zusammenhang mit Bemühungen auftauchen, „Ich-Defizite“ und die oft mit ihnen einhergehende tiefe Bedürftigkeit zu verbergen. „Gefühle der Scham und Selbstverachtung hängen nicht nur mit dem wahrgenommenen ‚Defizit‘ an sich zusammen, sondern auch mit verzweifelten, oft rachsüchtigen Bemühungen, Entschädigung für sie zu erlangen“ (Hoffer 1985, S. 773). Zahlreiche moderne Theoretiker unterschiedlicher Richtungen betrachten die Entwicklung und die Psychopathologie durch eine multiperspektivische Linse, die sowohl auf den Konflikt als auch auf das Defizit fokussiert. Manche Theorien privilegieren tendenziell das Defizitmodell. So betont die Selbstpsychologie Defizite des Selbst als Resultat einer unzulänglichen Empathie der Elternfiguren. Das empathische Verstehen des Analytikers sowie die Deutung des Konflikts werden demnach zu zentralen Komponenten der therapeutischen Wirkung der Analyse (Kohut 1984). Andere Autoren, zum Beispiel Repräsentanten der relationalen oder interpersonalen Schulen, betonen statt des inneren Defizits und Konflikts (Auchincloss und Samberg 2012), dass der intrapsychische Bereich in einer Beziehung zu anderen Menschen innerhalb der größeren Kultur hergestellt wird (Ingram 1985). Auchincloss und Samberg, die Herausgeber des Wörterbuchs Psychoanalytic Terms and Concepts, einer aktuellen Publikation der American Psychoanalytic Association, erläutern, dass zeitgenössische psychoanalytische Schulen den Entwicklungsaufgaben und –schwierigkeiten in ihrer Beziehung zu Konflikten wachsende Bedeutung beilegen. Konflikte entstehen im Laufe der Entwicklung in Reaktion auf eine Abfolge vorhersehbarer, phasenspezifischer unbewusster Bedrohungen, der sogenannten inneren Gefahrsituationen. In der normalen frühen Entwicklung tauchen prä-ödipale Konflikte zwischen dem Kind und seiner Umgebung auf, zwischen widersprüchlichen Wünschen und Gefühlen sowie zwischen den Vorläufern des Über-Ichs und den Trieben. Die Bedrohung, der sich das Kind in prä-ödipalen Konflikten ausgesetzt fühlt, ist die phantasierte Gefahr, das Objekt und die Liebe des Objekts zu verlieren. Ödipale Konflikte von höherer Komplexität zeigen, dass das Kind mittlerweile triadische Beziehungen führen kann, und geben auch weitere Aspekte der Ich-Reifung und -Entwicklung zu erkennen. Auf der ödipalen Stufe ist die vom Kind wahrgenommene Bedrohung die phantasierte Gefahr der Verletzung (Kastrationskomplex). Im weiteren Verlauf werden die verbietenden Kräfte, die ursprünglich mit der elterlichen Kontrolle assoziiert sind, durch Internalisierungs- und Identifizierungsprozesse zu Kräften innerhalb des psychischen Apparates des Kindes

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