Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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selbst. Eine solche Entwicklung findet Ausdruck in der Über-Ich-Bildung, einem Entwicklungsmeilenstein, der die Bewältigung des Ödipuskomplexes voraussetzt. Auf dieser Stufe ist die vom Kind wahrgenommene Gefahr die innere Verurteilung durch das eigene Über-Ich. Während manche Konflikte sich im Laufe der Entwicklung auflösen, bleiben andere lebenslang bestehen und ziehen eine mal mehr, mal weniger schwere Psychopathologie nach sich. Die Manifestation des Konflikts variiert entsprechend der jeweiligen Entwicklungsstufe, der Psychopathologie und den kulturellen Faktoren. Kinderpsychoanalytiker beschreiben außerdem Entwicklungskonflikte, die normal, vorhersehbar und zumeist vorübergehender Art sind (Tyson & Tyson 1990). Dabei handelt es sich um Konflikte mit der Umwelt, die durch normative, phasenspezifische Reifungsfaktoren ausgelöst werden. Wenn die Internalisierung der äußeren Gebote und Verbote abgeschlossen ist, ist auch dieser spezifische Entwicklungskonflikt bewältigt. Ein weiterer Schritt zur Struktur- und Charakterbildung wurde getan (Tyson & Tyson 1990, S. 42f.). III. B. Ich-psychologische Perspektiven Die psychoanalytischen Modelle, die dem Konflikt größere Bedeutung beimessen, sind diejenigen, die auch die Rolle des Ichs und der Triebe betonen, also zum Beispiel das klassische Modell und die Ich-Psychologie. Von besonders hohem Stellenwert ist der Konflikt für den modernen Erben der Ich-Psychologie, die sogenannte Moderne Konflikttheorie. Ihre Repräsentanten weichen insofern von Freuds Strukturtheorie ab, als sie vorrangig auf die Kompromissbildungen zwischen Triebabkömmlingen, Ängsten, Abwehrmechanismen und Über-Ich-Anforderungen fokussieren. Der Kompromiss ist Resultat eines Konflikts. Ebenso wie Konflikte sind auch Kompromisse allgegenwärtig, denn jeder Teil der Psyche, so die Theorie, strukturiert sich um eine Kompromissbildung herum – mithin um einen Konflikt. Moderne Konflikttheoretiker verstehen die psychische Entwicklung weniger als Herausbildung der von Freud beschriebenen klassischen dreiteiligen Struktur (Es, Ich und Über-Ich) denn als eine Serie von Kompromissbildungen. Das Ziel der psychoanalytischen Behandlung besteht demnach darin, dem Patienten zu helfen, seine unbewusste Konflikte anzuerkennen und sich klar zu machen, wie er Triebabkömmlinge, die auf unbewussten, aus der Kindheit stammenden Ängsten beruhen, abwehrt. Der Analytiker wiederum hat die Aufgabe, eine psychoanalytische Situation zu strukturieren, die das Auftauchen unbewusster Konflikt und Abwehrmaßnahmen unterstützt, und das unbewusste Material zu deuten, um dem Patienten zu helfen, zu besser angepassten Kompromissbildungen zu finden (Abend 2005, 2007; Arlow 1963; Brenner 1982, 2002; Druck et al. 2011; Ellman et al. 1998). Zu den Vertretern der Ich-Psychologie zählten ursprünglich insbesondere Anna Freud sowie Heinz Hartmann und seine Mitarbeiter Ernst Kris, David Rapaport, Erik Erikson und Rudolf Loewenstein. Viele weitere Autoren leisteten wichtige

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