Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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jedes Gefühl und jeder Gedanke sind überdeterminiert“ (Brenner, in: Richards & Willick 1986, S. 39f.). Dieses komplexe Verständnis beeinflusst auch, was der Analytiker hört: „Man hört dem Patienten nicht mehr zu, um die Frage ‚Ist dies Wunscherfüllung, Abwehr oder Über-Ich?‘ zu beantworten. Man weiß im Voraus, dass die Antwort in allen drei Fällen ‚Ja‘ lautet. Stattdessen lernt man zu fragen: ‚Welche Wünsche kindlichen Ursprungs werden hier befriedigt? […] Welche Art der Unlust (Angst oder depressiver Affekt) wecken sie? Was ist ein defensiver Aspekt? Was ist der Über-Ich- Aspekt?‘“ (Brenner, in: Richards & Willick 1986, S. 40). Aufbauend auf Freuds Prinzip der Überdeterminierung und Wälders Prinzip der multiplen Funktion formulierte Rangell im Einklang mit Brenners und Arlows erweiterten Konzepten des Konflikts und der Kompromissbildung das Prinzip der Austauschbarkeit psychischer Elemente: Psychische Elemente unterhalten konflikthafte Interaktionen und werden auf überdeterminierte Weise zu neuen psychischen Produkten synthetisiert, die dann sekundär an der Konfliktaktivität teilhaben. Die komplementäre Dynamik zur Synthese ist die Analyse, die Zerlegung der psychischen Produkte in ihre ursprünglichen Bestandteile, in Verbindung mit der Rückverfolgung regressiver Entwicklungswege auf die Wurzeln des Konflikts. Konfliktkomponenten verschmelzen im Leben zu einer psychischen Hervorbringung, häufig einem kognitiv-emotionalen Aggregatzustand, der primäre und sekundäre Symptome enthält, die der vorgängigen Persönlichkeitsorganisation überlagert werden (Rangell 1983; Papiasvili 1995). Kreative und integrative Aspekte der Abwehranalyse wurden von Blum formuliert: „In der Analyse wird eine gesunde Integration ermöglicht durch die Differenzierung, Reintegration und Umschichtung klinischer Aggregate und ihre erneute Synthese zu einem stabileren adaptiven Ganzen“ (Blum 1985, S. 163f.). Dieser Ansatz wurde von Gray (1994) in seiner auf „präziser Prozessbeobachtung“ beruhenden Analyse der defensiven Übertragungsaspekte erweitert und ausdifferenziert. Rangell (1963, 1967, 1985) griff das Problem Signalangst versus Affekt als Auslöser der Abwehr in einer Konfliktsequenz erneut auf. Er untersuchte mikroskopische Prozesse vor, während und nach Aktivierung der Abwehr und zog den Schluss, dass ungeachtet der Art des am Konflikt beteiligten unlustvollen Affekts das direkte Signal für die Aktivierung der Abwehr die Angst ist. Er beschrieb einen „intrapsychischen Prozess“, eine unbewusste kognitiv-affektive Sequenz Impuls- Angst-Abwehr und behauptete, dass die Angst weiterhin sämtlichen anderen unlustvollen Zuständen als Auslöser und Motiv der Abwehr zugrunde liege. Die Angst gilt einer das Ich überwältigenden Unlust. Rangell vermutete eine unbewusste Entscheidungsfunktion im Ich, die letztlich die Form der spezifischen psychischen Reaktion prägt. Durch Interaktion mit Selbst- und Objektrepräsentationen kommt es zu intrapsychischem Probehandeln, das einen intrasystemischen Entscheidungskonflikt im Ich repräsentiert. Objekte werden im Hinblick auf eine

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