Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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In diesem Kontext ist der Hinweis interessant, dass Bion in seinem 1970 veröffentlichten Buch Attention and Interpretation ( Aufmerksamkeit und Deutung , 2006) die modifizierte Container-Contained-Beziehung als eine mit einer Erweiterung beider Elemente einhergehende „katastrophische Veränderung“ bezeichnet. Als er sein theoretisches System 1970 in Attention and Interpretation: A Scientific Approach to Insight in Psychoanalysis and Groups zusammenfasste und weiter ausarbeitete, spielte der Beitrag über „Containment“ in der Psychoanalyse noch eine bescheidene Rolle, wurde aber bald zu einem immer wichtigeren organisierenden Konzept. Das Container-Contained-Modell ermöglichte es Analytikern und Therapeuten aus allen Lagern, sich in derselben Sprache über die affektive, präverbale Kommunikation zwischen Säugling und Mutter zu verständigen. Offenbar hatte Bion mit dem Modell und seiner Umbildung der Funktionen L (Liebe), H (Hass) und K (knowledge, Wissen) einen wichtigen neuen Weg zum Scheitelpunkt der psychischen Topik gebahnt. Was die Theorie betrifft, so beschränkte sich die Interaktion im Selbst und zwischen dem Selbst und seinem Objekt/seinen Objekten anfangs auf die Aktivität von Introjektion und Projektion (später als introjektive bzw. projektive Identifizierung bezeichnet). Diese beiden Mechanismen bildeten die entwicklungspsychologischen Vorläufer aller weiteren Abwehrmechanismen. Sie illustrieren zugleich die Grenzen des Eine-Person-Modells der Psychoanalyse, das ausschließlich die Repräsentationen des Subjekts als Bausteine der intrapsychische Struktur kannte. Mit seinem Container-Contained-Modell entwickelte Bion eine einzigartige Epistemologie der basalen Kommunikation zwischen Mutter und Säugling, der gemäß der unreife Prozess des Denkens einsetzt, indem das Kind via projektive Identifizierung einen „Gedanke[n] ohne einen Denker“ (Bion 2006 [1970], S. 120) in die Mutter-als-Container hineinverlegt, deren Reverie und Alpha-Funktion solche Emotionen in denkbare Gedanken, Gefühle, Träume und Erinnerungen transformiert. Im Kontext dieser Kommunikation reift die Alpha-Funktion des Kindes heran, da „es selbst zu denken beginnt, indem es mit seiner eigenen Alpha-Funktion in sein eigenes inneres Container-Objekt hineinprojiziert“ (Grotstein 2005, S. 1056). In der Entwicklung und in der psychoanalytischen Praxis alternieren die Funktionen von Container und Contained zwischen beiden Beteiligten. Grotstein zufolge repräsentiert „Säugling-Mutter als projizierendes Container-Team“ ein irreduzibles Zwei- Personen-Modell; die früheren, auf Projektion, Introjektion und/oder projektiver Identifizierung beruhenden Eine-Person-Modelle erfassen im Grunde das Ergebnis eines gescheiterten Containments. Auf die klinische Praxis bezogen beschreibt das Container-Contained-Modell die Präsenz und die Aktivitäten des Analytikers, auch wenn es auf den Analysanden fokussiert. Sobald sich der interaktive psychoanalytische Schauplatz dergestalt auf eine dreidimensionale Landschaft mit zwei Personen erweitert, kann die intersubjektive Perspektive („Vertex“) erforscht werden. So erweist sich das Containment als Quelle zahlreicher, wenn nicht

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