Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Bion „eine Beziehung, in der ein Objekt von einem anderen abhängt und ein drittes produziert wird, das alle drei zerstört“ (ebd.). In diesem Fall wäre die projektive Identifizierung explosiv und würde den Container sprengen. Doch umgekehrt zerstört der Container auch den Inhalt. Er beraubt ihn seiner penetrierenden Eigenschaft und wird seinerseits durch den Inhalt seiner rezeptiven Eigenschaft beraubt (vgl. ebd., S. 111). Die zerstörerische Verbindung kommt einem Scheitern der Container- Contained-Beziehung gleich. Auf die Entwicklung bezogen bedeutet dies zum Beispiel Folgendes: Wenn das Baby zu allzu starker Aggression oder Neid neigt oder wenn seine Angst- und Frustrationstoleranz allzu niedrig ist, wird es Situationen geben, in denen die Mutter seine Entwicklung nicht angemessen fördern kann, selbst wenn sie über eine hinreichende Containerfunktion verfügt. Ihr Verhalten und das, was sie dem Baby zurückgibt, reichen nicht aus, um dessen übermäßige Angst und Furcht zu lindern. Folglich hat der Säugling Schwierigkeiten, die mütterliche Containerfunktion zu introjizieren, sich mit zu identifizieren und sie sich zu eigen zu machen. Wenn andererseits das Baby selbst nicht zu übermäßiger Aggression und allzu intensivem Neid tendiert, seine Mutter jedoch über eine nur unzulängliche Containerfunktion verfügt, kann sie die projizierte Angst nicht angemessen verstehen und in sich aufbewahren. Stattdessen gibt sie dem Baby die Emotion in einer nicht integrierten, verwirrenden Form zurück, so dass der Säugling sie nicht als eigene bedeutungshaltige Erfahrung reintrojizieren kann. Neben der entwicklungsfördernden +K-Verbindung ist also auch die -K- Verbindung zu berücksichtigen, die einer symbiotischen oder parasitären Beziehung zwischen ♀ und ♂ Vorschub leistet. Die -K-Verbindung bedeutet, dass die emotionale Situation nicht be-dacht werden kann und emotionale Weiterentwicklung infolgedessen verhindert wird. Zudem droht die Gefahr einer wechselseitigen Zerstörung. Bion wandte das Containment-Konzept auch auf soziale Systeme an und beschrieb den Konflikt zwischen der Gruppe (oder einer festen sozialen Ordnung, dem Establishment) und dem Mystiker, d.h. dem Individuum, das eine neue, potentiell destabilisierende Idee in die Gruppe einbringt. Ein solches Individuum muss von der Gruppe containt werden, was aber zur Folge haben kann, dass entweder die neue Idee von der Gruppe unterdrückt wird oder die Gruppe unter dem Druck der neuen Idee auseinanderbricht. Taucht -K auf, wirken Neid und Angst zusammen, um die Entwicklung von Gedanken und die Entstehung der für Bions Modell des psychischen Lebens unabdingbaren Kreativität zu verhindern. Die Konfiguration -(♀ ♂) – minus Container-Contained – begünstigt eine zunehmend moralisierende Haltung und das Auftauchen eines „Über-Über-Ichs, das die moralische Überlegenheit des Ungeschehenmachens und des Verlernens behauptet und Nutzen daraus zieht, an allem etwas auszusetzen“ (Sandler 2009, S. 262f.).

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