Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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4. Die Mutter/der Analytiker empfindet Gefühle – teils bewusst, vorwiegend unbewusst -, indem sie/er sich mit ihnen identifiziert. Die Vermischung solcher Identifizierungen mit den „berührten“ Ängsten und Konflikten des Analytikers/der Mutter selbst erzeugt das Amalgam Selbst/Objekt. De M’Uzan (1994) erforschte diesen Aspekt und wählte dafür den Begriff der Chimäre. 5. Diese Chimäre muss vom Analytiker „verstanden und transformiert“ werden. Diese Arbeit ist gleichsam eine „psychische Verdauung“ der Projektionen des Patienten/des Kindes und der durch die Projektion mobilisierten Konflikte und Affekte des Analytikers/der Mutter selbst. Er/sie muss einen „verdaulichen Inhalt“ zurückgeben; dabei droht die Gefahr, dass der Analytiker dem Patienten eine gegenprojektive Identifizierung zurückgibt. In Lateinamerika hat Cassorla (2013) die containende Symbolisierungsfunktion des Analytikers im Kontext chronischer Enactments erforscht (siehe den Eintrag ENACTMENT). Er beschreibt die Symbolisierungsfähigkeit als Ergebnis der impliziten, containenden Alpha-Funktion, die der Analytiker während chronischer Enactments einsetzt. In diesem Kontext ist die implizite Alpha-Funktion des Analytikers seine Fähigkeit, die in den analytischen Prozess eingedrungenen obstruktiven Entwicklungen zu tolerieren (zu containen), ohne seine Bemühungen um neue Möglichkeiten, das Geschehen zu verstehen, aufzugeben. Dies dient gleichzeitig zur Vorbereitung künftiger Deutungen (der Enactments), damit diese vom Analysanden als bedeutungshaltig erlebt werden können.

V. VERWANDTE KONZEPTE

Das Container-Contained-Modell entstand parallel zu anderen „räumlichen“ Konzepten der Psyche, die auf die Internalisierung einer mütterlichen Funktion als Voraussetzung für die Entwicklung der Fähigkeit zu denken, zu symbolisieren und zu mentalisieren, abheben. Containment ist nicht gleichbedeutend mit Holding (Winnicott 1960). D. W. Winnicotts Konzept des Holding/des Haltens beschreibt ebenso wie das Containment- Konzept, dass der Säugling nicht getrennt von seiner Mutter verstanden werden kann und dass die Internalisierung einer „haltenden“ Funktion der Mutter für die psychische Entwicklung unverzichtbar ist. Gleichwohl ist „Holding“ ein breiterer Begriff, denn er bezeichnet sowohl eine erhöhte psychische Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen des Säuglings als auch das körperliche Halten und die gesamte Versorgung durch die Umwelt (Winnicott 1960). „Containment“ hingegen impliziert eine aktivere intrapsychische Beteiligung seitens des Objekts, die in höherem Maße von der Persönlichkeit dieses Objekts abhängt.

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