Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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ENACTMENT Tri-regionaler Eintrag Interregionale Berater: Rosemary Balsam (Nordamerika),

Roosevelt Cassorla (Lateinamerika) und Antonio Pérez-Sánchez (Europa) Interregionaler Koordinierender Co-Chair: Eva D. Papiasvili (Nordamerika)

I. DEFINITIONEN

Das Enactment-Konzept hat in der psychoanalytischen Theorie noch keinen unverrückbaren Platz gefunden. Der Begriff wird in unterschiedlichsten Bedeutungen verwendet; manchmal bleibt er exklusiv der analytischen Situation vorbehalten, manchmal bezeichnet er eine große Bandbreite an Interaktionen und Verhaltensweisen im Leben außerhalb der Therapie. Weil Enactment zum ersten Mal von Theodore Jacobs (1986) im Titel eines seiner Aufsätze verwendet wurde, wird es oft als nordamerikanisches Konzept betrachtet. In der zeitgenössischen nordamerikanischen psychoanalytischen Literatur gibt es aber kein singuläres, allgemein anerkanntes Konzept des Enactments , sondern eine ganze Gruppe gleichnamiger Konzepte, die mehr oder weniger eng miteinander zusammenhängen, sich aber auch klar voneinander unterscheiden. Die folgende Auswahl enthält, kombiniert und erläutert die nordamerikanischen Definitionen von Akhtar (2009) sowie Auchincloss und Samberg (2012): • Im Falle von Übertragungs-/Gegenübertragungsenactments (z.B. Jacobs 1986; Hirsch 1998) bringen Analytiker und/oder Analysand Übertragungs- oder Gegenübertragungswünsche agierend zum Ausdruck, statt sie zu be-denken und zu deuten. Diese Begriffsverwendung wurde von McLaughlin (1991) auf sogenannte evokativ-koerzitive Übertragungen des Patienten und des Analytikers erweitert. Chused (1991, 2003) arbeitete sie als „symbolische Interaktionen“ mit unbewusster, unter Umständen über die analytische Situation hinausweisender Bedeutung aus. Dieses Phänomen könnte als eine Version des „Agierens“ oder des „Übertragungsagierens“ [acting in] (Zeligs 1957) verstanden werden, die bei jedem der beiden Beteiligten auftreten kann. • Der Analytiker wird vom Analysanden unbewusst veranlasst, dessen unbewusste Phantasien auszuleben. Der Vorgang hat Ähnlichkeit mit einer „projektiven Identifizierung“ und/oder „Rollenresponsivität“. • Enactment als „eingebettete Serie häufig subtiler, unbewusster, interaktiver, gemeinsam konstruierter Dramen, die ausgelebt werden“ (Levine und Friedman 2000, S. 73; Loewald 1975). Der Begriff bezeichnet hier also eine

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