Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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erweiterte es, um auch die präverbale und/oder präsymbolische Kommunikation zwischen Mutter und Kind einzubeziehen. Joseph (1992) wiederum ergänzte Bions Konzept um aktive, aber subtile Verhaltensweisen des Subjekts (in Verbindung mit seinen intrapsychischen Manövern), die eine bestimmte Atmosphäre im Raum erzeugen und im Analytiker (Objekt) Emotionen, Empfindungen und Vorstellungen hervorrufen sollen, die ihn zu unüblichen Verhaltensweisen veranlassen – Verhaltensweisen, die dem inneren Schema des Analysanden (des Subjekts) entsprechen. O’Shaughnessy (1992) beschreibt zwei Arten des Enactments, nämlich „Enklaven“ und „Exkursionen“, die sich zerstörerisch auf den analytischen Prozess auswirken können. Eine „Enklave“ entsteht, wenn der Analytiker die Analyse in eine Art Refugium, einen Schutz vor Verstörung, verwandelt; eine „Exkursion“ entsteht, wenn er die Analyse in eine Serie von Fluchten verwandelt. O’Shaughnessy (1992) räumt ein, dass ein partielles und begrenztes Agieren ein unvermeidlicher Bestandteil jeder klinischen Situation ist. Problematisch wird es jedoch, wenn es nicht containt werden kann, sondern zu destruktiven Enactments – Enklaven und Exkursionen – ausartet. Des Weiteren können Enactments auch als Beispiel für Winnicotts (1984 [1963]) oben erwähnte Überlegung angesehen werden, dass wir Erfolg haben, indem wir versagen – „und zwar so versagen, wie der Patient es braucht“ (S. 343). Dies hat mit der vereinfachenden Theorie der Heilung durch korrigierende Erfahrung nichts zu tun. Um Winnicott zu paraphrasieren: Das Enactment eines Patienten kann im Dienste des Ichs stehen, wenn der Analytiker so darauf eingeht, dass der Patient Toxisches unter seine Kontrolle bringen kann, um es durch Projektions- oder Introjektionsmechanismen zu meistern. Mithin weisen die nordamerikanischen Enactment-Konzepte starke Wurzeln in Freuds Werk, aber auch in der Tradition der Objektbeziehungstheorien auf.

III. B. Lateinamerikanische Entwicklung des Konzepts: Breiterer Kontext und Vorläufer

Das lateinamerikanische psychoanalytische Denken stand unter dem Einfluss von Autoren, die in den 1940er und 1950er Jahren Tiefenuntersuchungen über den analytischen Prozess durchführten und dabei auch das Geschehen zwischen den Partnern der analytischen Dyade erforschten. Racker (1948, 1988) untersuchte die „komplementäre Übertragung“, das Ergebnis einer Identifizierung des Analytikers mit den inneren Objekten des Patienten. Grinberg (1957, 1962) beschrieb die „projektive Gegenidentifizierung“, eine Situation, in der sich der Analytiker von projektiven Identifizierungen seines Patienten überwältigen lässt und entsprechend auf sie reagiert, ohne sich dessen bewusst zu sein. Später modifizierte Grinberg bestimmte Aspekte seines Konzepts und zeigte, dass es zum Verständnis der Vorgänge zwischen den Mitgliedern der Dyade beiträgt. Sowohl Racker als auch Grinberg beschrieben

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