Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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der Behandlungssituation gewähren Zugang zum Inhalt abgesonderter Selbstzustände, der vorher unzugänglich war. Laut Bromberg (2006), Bass (2003), Hoffman (1994) und Mitchell (1997) entspricht es der relationalen Tradition, dass der Analytiker seine eigenen wechselnden Selbstzustände auf Hinweise überprüft, die ihm Aufschluss über das, was im Patienten auftaucht, geben können. Das Enactment besitzt auch in der Theorie intersubjektiver Systeme einen zentralen Stellenwert. Dieser Ansatz wurde Ende der 1980er Jahre von Robert Stolorow und seinen Mitarbeitern entwickelt. Er wirft Licht auf interpersonale Aspekte der relationalen klinischen Praxis. Die Intersubjektivitätstheorie führt Enactments auf dissoziierte relationale Zustände zurück, die eine interpersonale, mit frühen enkodierten neuralen Erfahrungen und Traumata des Patienten zusammenhängende Kommunikation repräsentieren. Die intersubjektivistische Schule hat Anregungen aus der neurowissenschaftlichen Forschung und der Erforschung der nonverbalen Kommunikation von Säuglingen, Kleinkindern und ihren Eltern aufgenommen. Beispielhaft dafür sind die Arbeiten von Beatrice Beebe und Frank M. Lachmann (Beebe und Lachmann 2002). Ilany Kogan (2002), eine israelische Analytikerin und prominentes Mitglied des in den USA arbeitenden Yale Trauma Research Teams, hat Enactments in der Behandlung zahlreicher Kinder von Holocaust-Überlebenden erforscht. Sie definiert den Begriff als „Zwang, die Erfahrungen ihrer Eltern im eigenen Leben durch konkrete Handlungen nachzuempfinden“ (S. 251). Dies ist ein wichtiger klinischer Nachweis, denn er zeigt, dass emotionale Narrative im inneren Leben aus dem bewussten Gewahrsein ausgeschlossen bleiben können. Daran beteiligt sind außer der intergenerationalen Transmission des Traumas auch die von Freud beschriebene unbewusste interpersonale Kommunikation. Ebenfalls relevant, wenngleich von Kogan selbst nicht erwähnt, ist Hans Loewalds (1975) Vergleich der Analyse mit der Nachahmung im Drama, in diesem Fall der Tragödie. Kogan unterscheidet ihre Verwendung des Begriffs Enactment von anderen, zum Beispiel Jacobs’ (1986), indem sie darauf hinweist, dass sie nicht speziell auf die interaktive Unmittelbarkeit zwischen Patient und Analytiker fokussiert. Ihre Konzept kommt einem Amalgam aus Freuds Agieren und Agieren der Übertragung sowie Sandlers (1978) und Eshels (1998) Aktualisierung näher. Sie verwendet den Begriff im Zusammenhang mit einem „schwarzen Loch“ (S. 255), einer Lücke in der bewussten Information im Zentrum der Psyche, die gleichwohl nicht leer ist (siehe Auerhahns und Laubs (1998) Konzept des Holocaust-Traumas als „leerer Kreis“ und andere Arbeiten über schwere Traumata). Loewald (1975) spricht von psychischer Abwesenheit als inhärenter Aspekt des Enactment, dessen Aufdecken in der Analyse die Differenzierung, Entwicklung und Autonomie des Patienten fördert. In dieser Hinsicht besteht eine Ähnlichkeit zwischen Kogan und Loewald. Kogan illustriert ihre Überlegungen anhand klinischer Beispiele: Eine Frau, die als Jugendliche anorektisch gewesen war (eine Reinzenierung des Hungers der Elterngeneration im Holocaust) und deren Vater die Existenz einer ersten Ehefrau und

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