Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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differenzieren (Mahler et al. 1993 [1975], S. 63), indem es nicht länger mit dem Körper der Mutter zu verschmelzen versucht, sondern aktiv und selbstbestimmt zu explorieren beginnt. Während der zweiten Subphase, der Phase des “Übens”, übt sich das Kind vom 19. bis 15./16. Lebensmonat in der Fortbewegung, um seine körperliche Getrenntheit von der Mutter zu vergrößern und den Differenzierungsprozess fortzusetzen. Dies ist die Phase, in die Mahler die eigentliche „psychische Geburt“ des Kindes datiert. Mit dem aufrechten Gang erweitert sich sein Horizont, und das Kind hat das Gefühl, dass ihm die Welt zu Füßen liegt. Greenacre (1957) bezeichnete diese Zeit als den Höhepunkt der kindlichen „Liebesaffäre mit der Welt“. Gemäß Mahlers Konzeptualisierung ist sie der Höhepunkt sowohl des (sekundären) Narzissmus als auch der Objektliebe (Mahler et al. 1993 [1975]). Im selben Zeitraum erreicht das Kind auch „den Gipfel seiner ‚magischen Omnipotenz‘, die es aus dem Gefühl ableitet, daß es Anteil an den magischen Kräften seiner Mutter hat“ (Fonagy 2003 [2001], S. 75). In der Subphase des Übens, in der das Kind zu laufen lernt, setzt in enger Nähe zur Mutter auch die Bildung des autonomen Ich-Apparates ein. Diese Entwicklungslinie ermöglicht es dem Kind, einen Teil seines Interesses von der Mutter abzuziehen und es unbelebten Objekten zu widmen – eine libidinöse Besetzung im Dienst der autonomen Ich-Aktivität. Die Subphase der “Wiederannäherung/Rapprochement” dauert etwa vom 15.- 18. Monat bis zur Vollendung des zweiten Lebensjahres und geht mit dem Gewahrsein von Getrenntheit, mit Trennungsangst und mit einem verstärkten Bedürfnis einher, sich der Nähe der Mutter zu vergewissern (Mahler et al. 1993 [1975]). Das Kind, das zuvor immer selbständiger wurde, realisiert nach und nach, dass die Welt sehr groß und es selbst winzigklein ist. Ihm wird allmählich bewusst, dass die Mutter eine von ihm getrennte Person ist, die nicht immer und jederzeit zur Verfügung steht. Damit beginnt die von Mahler so genannte Wiederannäherungskrise. Während dieser Wiederannäherungskrise verhält sich das Kind emotional ambivalent: es schwankt zwischen dem Wunsch, sich an die Mutter zu klammern, und einem sehr starken Bedürfnis nach Getrenntheit (Greenberg und Mitchell 1983). Zugleich vollzieht sich eine rasante Entwicklung der autonomen Ich-Funktionen, die sich vor allem durch bemerkenswerte Fortschritte des Spracherwerbs und durch das Auftauchen einer Realitätsprüfung bemerkbar macht. Geschlechtsunterschiede und Geschlechtsidentität treten ins Bewusstsein und interagieren mit dem Differenzierungsprozess. Die optimale emotionale Verfügbarkeit der Mutter sowie ihre Fähigkeit, die kindliche Ambivalenz zu akzeptieren, ermöglichen es dem Kleinkind, seine Selbstrepräsentation mit libidinöser Energie zu besetzen. Die Angst, die Liebe des Objekts zu verlieren, tritt an die Stelle der Angst, das Liebesobjekt selbst zu verlieren. Wenn das Kind in der Wiederannäherungskrise nach und nach der Illusion eigener Größe entsagt – häufig nicht ohne dramatische Auseinandersetzungen mit der Mutter -, benutzt es die Mutter typischerweise als Erweiterung seines Selbst, denn dies ermöglicht es ihm, das schmerzvolle Gewahrsein der Getrenntheit vorübergehend zu

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