Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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ÜBERTRAGUNG Tri-regionaler Eintrag

Interregionale Consultants: Marie-France Dispaux (Europa), Richard Gottlieb und Eva Papiasvili (Nordamerika), Adriana Sorrentini (Lateinamerika) Interregionaler Koordinierender Co-Chair: Arne Jemstedt (Europa)

I. EINLEITUNG UND EINLEITENDE DEFINITION(EN)

Das Übertragungskonzept ist weltweit zu einem Schibboleth der Psychoanalytiker geworden. Der deutsche Begriff Übertragung besagt, dass Erfahrungen aus einem Kontext in einen anderen transportiert (transferiert) werden. Um Verwechslungen mit diversen psychologischen Verwendungsweisen des Begriffs „transfer“ (beispielsweise in Lerntheorien) zu vermeiden, spricht man in der englischsprachigen Psychoanalyse von „transference“. Im weitesten Sinn bezeichnet der Terminus eine universale Eigenschaft des psychischen Lebens, ein weitverbreitetes Phänomen, das in allen menschlichen Beziehungen auftaucht. Das Besondere an der Psychoanalyse besteht darin, dass sie die Übertragung zu verstehen versucht, zumal diese sich in der psychoanalytischen Behandlung von Anfang an als „das ärgste Hindernis, auf das man stoßen kann“ (Freud 1895, S. 307), bemerkbar macht, später aber zu einem der Behandlungsinstrumente wird. Seit seiner Einführung in den Studien über Hysterie (hier vor allem in Verbindung mit dem Konzept einer „falschen Verknüpfung“, d.h. mit der Übertragung der affektiven Besetzung pathogener - dem Bewusstsein unannehmbarer – Repräsentationen auf die Person des Arztes) wurde das Übertragungskonzept nach und nach erweitert. Der Begriff bezeichnete nun einen für die psychoanalytische Behandlung konstitutiven Prozess, in dem unbewusste Wünsche, infantile Konflikte und traumatische Wunden im Hier und Jetzt der Beziehung zum Analytiker reaktualisiert werden – und der dem Erinnern massiven Widerstand entgegensetzt. Eine solche Modalität des psychischen Geschehens, die damit einhergeht, das in das psychische Leben eines Menschen eine andere Person eingebracht wird, die als Objekt operiert, welches Wunsch- und Konfliktphantasien mobilisiert, ist hinreichend generalisierbar, so dass auch die Übertragung des Analytikers auf den Patienten denkbar wird. Dies hatte zur Folge, dass man das Konzept einer Gegenübertragung entwickelte (siehe den Eintrag GEGENÜBERTRAGUNG). Die Definitionen der Übertragung in modernen Wörterbüchern und Schriften nordamerikanischer (Auchincloss, Samberg 2012), europäischer (Laplanche und Pontalis 1967; Skelton 2006) und lateinamerikanischer (Borenszstejn 2014)

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