Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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zwar v.a. mit Blick auf den spezifischen klinischen Diskurs in der Analyse. In Bezug auf gelebte Erfahrung aber „ist der Begriff des Selbst kulturenübergreifend, weil es in anderen Sprachen keine exakte Entsprechung gibt […]. Dieses Problem eröffnet zweifellos Möglichkeiten, um den Bereich der Beziehungen zwischen Philologie, Linguistik und Psychoanalyse zu erforschen“ (ebd., S. 267). Resnik illustriert, wie verschiedene Aspekte der Selbsterfahrung im klinischen Prozess miteinander zusammenhängen und wie sie auftauchen, u.B. die Beziehung des Selbst zur Abhängigkeit und die Entdeckung der eigenen Identität oder eines globalen Selbstbildes, das durch die Entwicklung einer Beziehung zu einem narzisstischen Objekt beobachtet wird. Der Autor vertritt die Ansicht, dass das im klinischen Diskurs „das Selbst [Self] sein wahres Selbst [true self]“ entdecke, und zwar durch die Andersheit oder Präsenz des/der Anderen. Gleichzeitig öffne sich, so Resnik, die dyadische Beziehung für eine trianguläre Beziehung und ergo für die Multiplizität. Enrique Pichon Rivière Als Autor klassischer Schriften über das Selbst ist Enrique Pichon Rivière zwar nicht bekannt, doch hat sein zweibändiges Werk “Del Psicoanálisis a la Psicología Social” [“From Psychoanalysis to Social Psychology”] ( 1971) eine wichtige Richtung der lateinamerikanischen Identität inspiriert, indem es Psychoanalyse und Sozialpsychologie zusammenführte - mit wichtigen Implikationen für theoretische und klinische Konzeptualisierungen der Wechselbeziehungen [„link“] zwischen dem psychischen inneren und dem gesellschaftlichen äußeren Bereich. In dem Sammelband „The Linked Self in Psychoanalysis: The Pioneering Work of Enrique Pichon Rivière” (Losso, Setton und Sharff 2017) über Pichon Rivières Lebenswerk schreibt Leticia Fiorini in ihrer Buchempfehlung: „Pichon Rivière formulierte eine Sozialpsychologie für die Psychoanalyse und betonte die notwendigen Verbindungen zwischen der inneren und der äußeren Welt“ (Fiorini 2017). Über dasselbe Werk schreibt Kernberg in seiner Empfehlung: „Pichon Rivières originäres Konzept des „link“, der Verbindung/Verknüpfung, erklärt die durch Beziehungen konstitutierten Verbindungen zwischen Selbst- und Objektrepräsentationen und erweitert das Link-Konzept auf die Beschreibung unbewusster intrapsychischer Gruppenbildungen“. Laut Pichon Rivière (1971) beginnt der therapeutische Prozess mit „etwas Bestehendem“ (etwas explizit Manifestem), das die Deutungen des Therapeuten ermöglicht. Deutung des Bestehenden – emergierende Bewegung ist die für die dialektische Spirale konstitutive Arbeitseinheit. Letztere zeigt die Entwicklung des analytischen Prozesses mit seinen alternierenden Progressionen und Regressionen. Pichon Rivières Überlegungen zur „inneren Gruppe“ wurden von Samuel Arbiser (2013) weiter ausgearbeitet. Er beschrieb, wie diese inneren Verbindungsstrukturen, die während der evolutionären Entwicklung inkorporiert werden, die sozio-kulturelle Welt in der inneren Welt reproduzieren und dass sie sich in einem ständigen Austausch mit den Verbindungsstrukturen der gegenwärtigen

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