Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Situationen, an denen das Kind und seine Bezugspersonen beteiligt waren, sowie die analytische Arbeit mit Psychotikern in der Chestnut Lodge Clinic (Fromm- Reichmann 1939) und mit traumatisierten und Borderline-Patienten in der Menninger Clinic (Menninger 1954) zeugten jedoch von dem tiefgreifenden Einfluss, den Umweltfaktoren und Objektbeziehungen auf die Entwicklung und Bildung intrapsychischer Strukturen ausüben. Solche klinischen Erfahrungen warfen zwar Licht auf die Bedeutsamkeit des Interaktionsfeldes von Übertragung- Gegenübertragung in der Analytiker-Analysand-Situation (Moscowitz 2014), ihre systematische theoretische Integration aber erfolgte erst später durch die Arbeit Loewalds (1960, 1971, 1975). Hans Loewald war eine Persönlichkeit, die für Veränderung sorgte. Er publizierte seit den 1960er Jahren und war ursprünglich durch die Phänomenologie Heideggers (1962) stark beeinflusst. Von seinen Schriften gehen Verbindungen aus zu Winnicott (1947, 1950, 1972), Erikson (1954), Kohut (1977), Mitchell (1993, 1997), Aron (1996), Hoffman (1998), Bromberg (1998) und anderen Autoren, die Versionen der Triebtheorie und Objektbeziehungstheorie vertreten, die an der Theorie der „offenen Systeme“ orientiert sind. Sein Entwicklungsmodell sieht vor, dass das Ich des Kindes aus einem Kern der körperlichen und seelischen Mutter-Säugling- Verbindung hervorgeht, in der die Psyche der Mutter mit dem undifferenzierten Zustand des Säuglings in einer spiralförmig und oszillierend verlaufenden Entwicklung interagiert, die durch Integration und Desintegration und den Drang zu neuerlicher Integration charakterisiert ist. Dieses Entwicklungsmodell besitzt insofern Implikationen für die Übertragung und Gegenübertragung, als alle Erfahrungen aus intersubjektiven Transaktionen hervorgehen, selbst wenn sich der Fokus auf das Individuum richtet (Loewald 1960). Loewald erkannte die große Bedeutung der Erkenntnisse an, die sowohl in der kinderanalytischen Arbeit als auch in den Analysen von psychotischen und Borderline-Patienten gewonnen wurden, in denen die Reaktionen des Analytikers einem besonders starken Druck seitens des Unbewussten des Patienten ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund vertrat er die Auffassung, dass Übertragung und Gegenübertragung getrennt voneinander betrachtet werden können und dass sowohl der Analytiker als auch der Patient Übertragungs- und Gegenübertragungsreaktionen zeigen, die normale Bestandteile des analytischen Prozesses darstellen. Loewalds Erkenntnisse haben die Diskussionen über die Gegenübertragung nicht nur innerhalb der zunehmend diversifizierten nordamerikanischen psychoanalytischen Kultur, sondern weltweit richtungsgebend beeinflusst. Seither gilt die Gegenübertragung als ein unausweichlicher Aspekt der analytischen Beziehung , in dem sich Patient- und Analytikeranteile miteinander verflechten – eine der in der heutigen Psychoanalyse dominanten Perspektiven. Parallelen zu dieser Sichtweise finden sich im intersubjektiven Theoretisieren in Frankreich, Belgien und in der Französisch sprechenden analytischen Community in Nordamerika. Diese Richtung, die gelegentlich auch als „Das dritte Modell“

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