Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

bezeichnet wird, geht davon aus, dass die „Zwei-Personen-Psyche“ in der menschlichen Entwicklung der psychischen „Eine-Person-“Autonomie der Triebe, der Abwehr und der intrapsychischen Phantasie vorausgeht: In der ersten Lebensphase muss die Psyche des Babys im Kontext der versorgenden Umwelt betrachtet werden (die Zwei-Personen-Psyche), bevor dann die innere topische Differenzierung der Systeme Unbewusst, Vorbewusst und Bewusst erfolgt und die Strukturierung von Es, Ich und Über-Ich (die Eine-Person-Psyche) möglich wird. Während dieses gesamten Prozesses der „Subjektwerdung“ (der Entwicklung eines innerlich differenzierten und strukturierten Subjekts) ist die enge Verbindung mit der „realen (potentiell traumatisierenden) Anderen“ (Lacan 1966/1977) von herausragender Bedeutung. Laplanche (1993, 1999) brachte Lacans Konzept des „traumatisierenden Realen (der Anderen)“ – der Bezugsperson – in den intersubjektiven Bereich ein. Er betonte, dass die durch die Nähe zum Körper des Säuglings angeregte unbewusste Sexualität (der erwachsenen Bezugsperson) die intimen Austauschvorgänge mit dem Kind durch rätselhafte Botschaften „kontaminiere“. Andere Autoren erweitern dieses Konzept der Entwicklung, indem sie den Bereich miteinbeziehen, der direkt auf den klinischen Austausch und die Gegenübertragung anwendbar ist. Sie konzentrieren die Aufmerksamkeit auf die „Aktivität der Repräsentation“ und die „Nachträglichkeit der Benennung von Affekten“, durch die das Kind/der Patient „das Ich konstituiert“ (Aulagnier 1975/2001, S. 97), sowie auf die Fähigkeit der Mutter/des Analytikers, eine optimale Distanz zu wahren, um die „für die Entstehung des Denkens notwendige“ (Green 1975, S. 14) Symbolisierung und Repräsentation zu fördern. Auf die klinische Praxis bezogen heißt dies, dass der Analytiker in der Gegenübertragungsposition “ des dezentrierten klinischen Zuhörens (Faimberg 1993) auf alle Formen des unbewussten Austausches und der durch Worte oder Verhalten erfolgenden Transmission von Emotionen, den „ gemeinsamen vermittelten Affekt “ (Parat 1995), hört.

III. WECHSELSEITIGE INTERNATIONALE BEEINFLUSSUNG UND HEUTIGER GEBRAUCH DES KONZEPTS

III. A. Die zeitgenössische freudianische und die Objektbeziehungstheorie In der modernen Ich-Psychologie und Konflikttheorie Nordamerikas unterscheidet Lasky (2002), der detailliert die subtilen Aspekte innerer Zustände und Prozesse des Analytikers in der Sitzung erforscht, in Anlehnung an Arlow (1997) und Abend (1986) zwischen Empathie, analytischem Instrument und Gegenübertragung im eigentlichen Sinn. Blum (1991) untersuchte den analytischen Prozess mit Blick auf die komplexen Zusammenhänge der affektiven Kommunikation im Zwei-Wege-Feld der Übertragung-Gegenübertragung. Innerhalb des intrapsychischen

70

Made with FlippingBook - Online magazine maker