Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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erachtet. Freilich muss sie mit weiteren Elementen der psychoanalytischen Methode einhergehen: mit der Aufmerksamkeit für Übertragung und Gegenübertragung einschließlich der primitiven und psychotischen Ebenen des Patienten wie auch des Analytikers sowie mit dessen Deutungsarbeit . Weitere äußere Umstände. Das Behandlungszimmer des Analytikers weist spezifische Faktoren (Mobiliar, Dekoration, Zimmertemperatur etc.) auf, die etwas von seiner Persönlichkeit zu erkennen geben. Auch der Körper des Analytikers ist Bestandteil des Settings. Enid Balint (1973) schrieb über die Analyse von Frauen durch Frauen und vertrat die Ansicht, dass das Behandlungszimmer auf einer unbewussten Ebene für die Patientin den Körper der Mutter bedeutet. Lemma (2014) formulierte in Anlehnung an Bleger das Konzept des „verkörperlichten Settings“, das sie in der Behandlung von Patienten mit einer symbiotischen Übertragung für besonders relevant erachtet. Sie betonte, dass die äußere Erscheinung des Analytikers auf die innere Welt des Patienten als starker Stimulus einwirkt und dass jede Veränderung seines Körpers als ungemein destabilisierend erlebt wird. Weitere Komponenten des „Behandlungsvertrags“, etwa die Honorarfrage oder die Ferienregelung, sind gleichfalls als Aspekte des äußeren Settings zu betrachten. Vor allem heutzutage sind Patienten unter Umständen auf finanzielle Unterstützung angewiesen, was unweigerlich bedeutet, dass eine dritte Partei ins Spiel kommt. Auch diesen Faktor gilt es im Behandlungsvertrag zu berücksichtigen. Je nach Land werden die Kosten vom Staat, von einer privaten Krankenversicherung oder, bei Durchführung der Behandlung durch Ausbildungskandidaten, ggf. von der Ambulanz eines psychoanalytischen Instituts übernommen.

III. INNERES SETTING

Die wesentlichen Überlegungen zum inneren Setting des Analytikers finden sich ebenfalls schon bei Freud. Das innere Setting ist ein charakteristischer geistiger Zustand, in dem sich der Analytiker „nichts besonders merken“ will, sondern allem, was er „zu hören bekommt, die nämliche ‚gleichschwebende Aufmerksamkeit‘“ (Freud 1912, S. 377) entgegen bringt . „Wie man sieht, ist die Vorschrift, sich alles gleichmäßig zu merken, das notwendige Gegenstück zu der Anforderung an den Analysierten, ohne Kritik und Auswahl alles zu erzählen, was ihm einfällt“ (ebd.). Darüber hinaus empfiehlt Freud: „Man halte alle bewussten Einwirkungen von seiner Merkfähigkeit ferne und überlasse sich völlig seinem ‚unbewussten Gedächtnisse‘, oder rein technisch ausgedrückt: Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke“ (S. 378). Diese Überlegungen sind nach wie vor stichhaltig, haben aber insbesondere durch Bions Konzept der Reverie eine Vertiefung erfahren. Bion (1990 [1962] definiert die Reverie als „die Geistesverfassung, die für die

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