Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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amae ein sprachlicher Begriff, der aber anders als “Liebe” die Sexualität nicht mit abdeckt. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Elemente von amae in verschiedenen, von Ambivalenz geprägten psychischen Zuständen enthalten sind. Falls es sich tatsächlich so verhält, könnte es hilfreich sein, amae mit anderen psychoanalytischen Konzepten zu vergleichen. Freud (1912) beschrieb zwei Liebesströmungen: “Von diesen beiden Strömungen ist die zärtliche die ältere. Sie stammt aus den frühesten Kinderjahren, hat sich auf Grund der Interessen des Selbsterhaltungstriebes gebildet und richtet sich auf die Personen der Familie und die Vollzieher der Kinderpflege” (S. 79f.). Diese Definition entspricht den der amae- Psychologie zugrundeliegenden Elementen des Selbsterhaltungstriebes. Später ging die aus dem Selbsterhaltungstrieb hervorgehende zärtliche Strömung ins Freuds Narzissmus-Konzept ein (Freud, 1914). Er schrieb, dass der primäre Narzissmus zwar nicht durch unmittelbare Beobachtung bestätigt werden könne, doch wenn “man die Einstellung zärtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins Auge fasst, muss man sie als Wiederaufleben und Reproduktion des eigenen, längst aufgegebenen Narzissmus erkennen” (Freud, 1914, S. 157). Während Freud (1930) sein Konzept des Selbsterhaltungstriebs später verwarf und zu dem Schluss gelangte, dass die zärtliche Zuneigung eine Manifestation von Eros (Sexualtrieb) sei, dessen ursprüngliches Ziel verdrängt werde, postulierte Doi, dass amae dem von Freud in seiner frühen Triebtheorie beschriebenen Selbsterhaltungstrieb entspreche. In diesem Sinn definierte er amae als ein triebhaftes Abhängigkeitsbedürfnis. Darüber hinaus verstand Freud (1921) die Identifizierung als den frühesten Ausdruck einer emotionalen Bindung an einen anderen Menschen, die von Beginn an ambivalent ist. Dieser Definition gemäß könnte die Identifizierung den identifikatorischen und ambivalenten Aspekten von amae entsprechen. Als Doi (1989) das Konzept innerhalb der objektbeziehungstheoretischen Matrix weiterentwickelte, betonte er abermals, dass amae von Beginn an auf ein Objekt bezogen ist (S. 350). Dies ist zwar mit Freuds Konzept des primären Narzissmus nicht vollständig vereinbar, entspricht aber „in hohem Maß jedem psychischen Zustand, den man als narzisstisch bezeichnen würde“ (S. 350). In diesem Sinn verstanden, liegen die narzisstischen Eigenschaften von amae der „pathologisch komplizierten“ zugrunde, die Ausdruck in kindischem, mutwilligem und forderndem Verhalten findet. „In gleicher Weise“, so Doi (1989), „ist ein neues Konzept des Selbstobjekts, das Kohut als ‚archaisch‘ und ‚mit narzisstischer Libido besetzt‘ definiert hat (vgl. Kohut, 1976 [1971], S. 19), wesentlich einfacher im Licht der amae- Psychologie zu verstehen, weil die ‚narzisstische Libido‘ nichts anderes ist als pathologisch komplizierte amae “ (Doi, 1989, S. 351). Dementsprechend verstehen japanische Analytiker Kohuts „Selbstobjektbedürfnisse“ als Beinahe-Entsprechung des amae- Konzepts. Auch Michael Balints Beobachtung, „dass in der Endphase der Behandlung die Patienten beginnen, längst vergessene infantile Triebwünsche zu äußern und deren Befriedigung von der Umwelt zu fordern” (Balint 1935, S. 39), ist hier möglicherweise relevant, den“primitive amae manifestiert sich erst, nachdem

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