Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Eine breit gefasste Definition der Intersubjektivität in den aktuellen nordamerikanischen und europäischen Wörterbüchern (Akhtar 2009; Auchincloss und Samberg 2012; Skelton 2006) betont die - auf (bewussten, vorbewussten und/oder unbewussten) subjektiven Erfahrungen beruhende - facettenreiche und vielschichtige wechselseitige dynamische Interaktion zwischen Menschen und die mannigfaltigen wechselseitig transformierenden Aspekte solcher Interaktionen in der frühen Entwicklung und im psychoanalytischen Dialog. Auch wenn das aktuelle lateinamerikanische psychoanalytische Wörterbuch (Borensztejn 2014) keine Definition der Intersubjektivität enthält, spiegeln die Einträge zum Psychoanalytischen Feld, zur Unbewussten Kommunikation und zur Theorie der Kommunikation gleichwohl ähnliche Aspekte inter-subjektiver Interaktivität wider. Heutige Erklärungen des französischen intersubjektiven Denkens (Tessier 2014 a, 2014b) betonen überdies das „unbewusste Subjekt“ und seine Herausbildung in der Beziehung zum „realen Anderen“, Subjekt und Objekt. Dieser Eintrag beschreibt die Intersubjektivität als vorherrschende psychoanalytische Orientierung und als einen zunehmend in den Vordergrund rückenden Aspekt psychoanalytischen Denkens und Arbeitens, der auf unterschiedliche Weise im gesamten Spektrum zahlreicher psychoanalytischer Orientierungen weltweit vertreten ist. II. A. Wurzeln in der Philosophie Intersubjektivitätskonzepte tauchten nach und nach in verschiedenen Disziplinen und bei verschiedenen Autoren auf, und zwar zuerst in der Philosophie in Reaktion auf die Subjektivität einer selbstgenügsamen Psyche, die Descartes vor 400 Jahren konzipierte. Zwei Jahrhunderte später postulierte Hegels Phänomenologie des Geistes das aus rudimentärer Intersubjektivität hervorgehende Selbstbewusstsein. In der Phänomenologie Edmund Husserls, eines Zeitgenossen Freuds, wurde die Intersubjektivität zu einem speziellen Fokus philosophischen Forschens. Seit René Descartes’ (1596-1660) Körper-Seele-Dualismus hat sich die abendländische Philosophie dem Thema Subjektivität gewidmet. Die cartesianische Subjektivität entspricht einer isolierten Psyche, die sich einzig ihrer selbst, ihres eigenen Denkens und ihres Selbstgewahrseins gewiss sein kann. Descartes erfand das Konzept des Subjekts als einer selbstgenügsamen Monade, für die alles andere zweifelhaft ist. Es dauerte 200 Jahre, bis Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770- 1831) diese Vorstellung ernsthaft in Frage stellte. Laut Hegel setzen Subjektivität II. ALLGEMEINER PHILOSOPHISCHER, SOZIO-HISTORISCHER, THEORETISCHER UND KLINISCHER KONTEXT

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