Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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oder Selbstbewusstsein die Begegnung mit einem Anderen voraus. In seiner Herr- Knecht-Dialektik geht das Selbstbewusstsein aus dem Widerstreit zweier Individuen hervor, die erkennen, dass sie voneinander abhängig sind: ohne wechselseitige Anerkennung bleibt ein adäquates Selbstbewusstsein für beide unerreichbar. Damit ist der Wechsel vollzogen von dem cartesianischen solipsistischen Eine-Person-Modell zum hegelianischen dyadischen Zwei-Personen-Modell des Geistes. Edmund Husserl (1859-1938), Begründer der „transzendentalen Phänomenologie“, verfolgte die Frage der Intersubjektivität weiter: Wie gelangt man zur Wahrnehmung anderer Subjektivitäten? Die intersubjektive Reziprozität, die an die Stelle der Subjekt- Objekt-Beziehung eine Subjekt-Subjekt-Beziehung setzt und vor dem philosophischen Hintergrund des deutschen Idealismus eines Hegel und Husserl zu sehen ist, beruht auf der Annahme, dass es kein isoliertes Subjekt ohne eine Welt gibt. Für Husserl ist individuelles Bewusstsein stets auf einen Anderen bezogen: Das individuelle Ich wird in einen dialogischen Individuationsprozess hineingezogen und kann sich selbst nur durch den Anderen erkennen. In der deutschsprachigen Psychoanalyse sind Vorläufer des Intersubjektivismus im Konzept der Begegnung erkennbar: Abgesehen von der Übertragung entwickelt sich in der Behandlung eine existenzielle Begegnung, in welcher der Patient nicht als ein Objekt des Wissens gesehen, sondern zu einem Partner in einem Dialog wird, der über die Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung hinausreicht (Bohleber 2013, S. 807-809). An Plato erinnernd, suchte Husserl nach einem Gewahrsein der Welt, wie sie wirklich ist. Er postulierte, dass das Gewahrsein anderer Subjekt aus der Empathie mit ihnen hervorgeht. Paradoxerweise ist eine solcherart konzeptualisierte Intersubjektivität eine unzweifelhaft einseitige Angelegenheit (wie Stolorow sehr viel später in Bezug nicht nur auf Husserl, sondern auch auf Heinz Kohut herausstrich), eine Intersubjektivität, die sich lediglich im Geist einer einzigen Person, nämlich derjenigen, die empathisch empfindet, abspielt. Sie sieht jedoch die Anwesenheit Anderer als subjektive, dem Selbst ähnliche Entitäten vor und gelangt durch Empathie, ohne Hegels Kampf um Anerkennung, zu einem Gewahrsein Anderer als subjektive Entitäten. Martin Heidegger (1889-1976) verstand Intersubjektivität als grundlegende Verfasstheit des Menschen. Sein „Dasein“ ist ein „In-der-Welt-Sein“, das unabhängig vom Anderen unvorstellbar ist. Dasein ist definiert durch die Infragestellung seines Seins, dessen Wahrheit unmöglich zu kennen ist und das auf einem Gewahrsein des Endes des Seins, d.h. des Todes, auf Endlichkeit, beruht. Von hier aus führt eine Entwicklung zur Existenzanalyse Ludwig Binswangers , eine andere zu Jacques Lacan und eine dritte zu Hans Loewald , der von US- amerikanischen Intersubjektivisten häufig als wichtiger Stammvater zitiert wird. Sowohl Heidegger als auch Lacan betrachten die Sprache als Medium der Unwissenheit, die das Denken gleichermaßen strukturiert wie unsichtbar macht. Die strukturalistischen Studien über die metapsychologische Struktur des Freud’schen Werks von Paul Ricoeur (1913-2005) und Hans Georg Gadamers (1900-2002) Untersuchungen über die subtilen Aspekte intersubjektiver

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