Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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b. Unter dem klinischen Blickwinkel präsentiert die Intersubjektivität ein neues Zwei- Personen-Modell für eine auf das intersubjektive Feld als Schnittmenge zweier Subjektivitäten – der des Patienten und der des Analytikers – fokussierende klinische Technik. c. Unter der sozio-politischen Perspektive wurden die nicht-ärztlichen Analytiker, die vom US-amerikanischen psychoanalytischen Establishment seit jeher ausgeschlossen worden war, nun nicht nur anerkannt; vielmehr übernahmen sie im Zuge dieser facettenreichen Veränderungen häufig sogar führende Rollen. Einige der komplexen, miteinander verflochtenen Entwicklungen, die zu diesem Paradigmenwechsel führten, sollen im Folgenden nachgezeichnet werden. In den USA etablierte sich die klassische Psychoanalyse mit ihrer theoretischen Betonung des dynamischen Unbewussten, der Verdrängung und des Widerstandes sowie der infantilen Sexualität, wie sie von Freud (dessen Schriften zunächst von Brill ins Englische übersetzt wurden) definiert worden waren, in den 1920er und 1930er Jahren. In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde sie in der Ausbildung der Psychiater landesweit tonangebend. Die Mehrzahl der psychoanalytischen Institute bildete damals lediglich Ärzte aus, was in Verbindung mit den späteren, in elegantem Wissenschaftsenglisch verfassten Freud- Übersetzungen Stracheys mitunter einer mechanistischen Anwendung der klinischen Technik Vorschub leistete und zu dem ausgeprägt asymmetrischen medizinisch- chirurgischen Modell eines allwissenden ärztlichen, autoritären Experten und eines unwissenden, leidenden Patienten führte. Dieses ging einher mit einem strikten, unpersönlichen Festhalten an den technischen Erfordernissen der Neutralität, der gleichschwebenden Aufmerksamkeit und des sorgfältigen Beobachtens der freien Assoziationen des Patienten, auf die lange Schweigephasen zu folgen pflegten, bis sie dem Analytiker genügend Material geliefert hatten, dass er eine bisweilen unpersönliche und erfahrungsferne Deutung der mutmaßlich relevanten unbewussten Determinanten formulieren konnte. Seit Ende der 1930er Jahre setzten Hartmann, Kris, Loewenstein und andere (Hartmann 1939; Hartmann, Kris und Loewenstein 1946) eine veritable Erweiterung der Freud’schen Metapsychologie in Gang, die unter der Bezeichnung Ich- Psychologie bekannt wurde und die bereits vorhandenen dynamischen, strukturellen und ökonomischen Theorien (Rapaport und Gill 1959; A. Freud 1936) nach und nach um genetische, entwicklungspsychologische und anpassungsbezogene Überlegungen ergänzte. In ihrer Entwicklungstheorie taucht das Unbewusste aus einer undifferenzierten Matrix auf, die das Potenzial für die künftige Entwicklung des Ichs und seiner Funktionen enthält. In ihrer Theorie der Anpassung, die eine „durchschnittlich erwartbare Umwelt“ postuliert, wird die Ich-Entwicklung durch Beziehungen vermittelt, indem Identifizierungen zur wichtigsten Ich-Funktion werden. In der analytischen Arbeit wird zunehmende Betonung auf die unbewussten Prozesse im Ich gelegt, z.B. auf die Abwehrmechanismen.

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