Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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In der französischen Tradition definierten Jean Laplanche und Jean-Bertrand Pontalis (1967/1973) das Freud’sche „Ich“ als (1) Kern des Bewusstseins und Ensemble aktiver psychischer Funktionen; (2) Organisator der Abwehroperationen und (3) Instanz, die zwischen äußerer Realität, Es und Über-Ich vermittelt. Sie sehen in der Schule der Ich-Psychologie von Hartmann, Kris, Loewenstein und Rapaport eine von verschiedenen Richtungen, die sich um eine möglichst konsistente Formulierung der „letzte[n] Theorie des psychischen Apparates“ (S. 196) bemühten, und stehen der Ich-Psychologie ungemein kritisch gegenüber: „So hat sich eine ganze Schule zum Ziel gesetzt, zwischen den psychoanalytischen Errungenschaften und denen anderer Disziplinen eine Beziehung herzustellen: Psychophysiologie, Lernpsychologie, Kinderpsychologie, Sozialpsychologie, und so eine allgemeine Ichpsychologie zu begründen“ (ebd.) – mit dem Ergebnis, dass dadurch Begriffe entstanden „wie die der desexualisierten oder neutralisierten Energie […], der sogenannten ‚synthetischen‘ Funktion und der konfliktfreien Sphäre des Ichs. Das Ich wird vor allem als ein Apparat der Regulation und der Adaptation an die Realität verstanden“ (ebd.). Gleichzeitig räumten Laplanche und Pontalis ein, man sei „betroffen angesichts der Schwierigkeit, alle psychoanalytischen Beiträge zum Ichbegriff auf einer einzigen Denklinie unterzubringen“, um „dieser Orientierung der ego psychology eine Darstellung dessen, was ‚wahrhafte‘ Freudsche Ichpsychologie ist, entgegenzuhalten“ (ebd.). Die ausbleibende Rezeption der „klassischen“ nordamerikanischen Ich- Psychologie in der gesamten frankophonen analytischen Welt spiegelt sich in Hélène Tessiers Buch „La Psychanalyse Amércaine“ (2005). Die Autorin beurteilt die Ich- Psychologie nicht nach Maßgabe ihrer Agenda (die Psychoanalyse als Naturwissenschaft aufzubauen), sondern anhand ihrer Ergebnisse (der Konzepte des autonomen vor-konflikthaften Ich-Geschehens und der konfliktfreien Sphäre des Ichs) und zieht den Schluss, dass „eine solche Sichtweise von derjenigen Freuds bemerkenswert weit entfernt“ sei (S. 39). Einer der sich als Ich-Psychologen verstehenden Analytiker, nämlich Hans Loewald, wurden von den französisch-kanadischen Analytikern der „Dritten Topik“ zugeordnet, einer Gruppe von vorwiegend französischen postfreudianischen Denkern, die die Annahme teilen, dass eine Zwei-Personen-Psychologie der Eine-Person- Psychologie des innerlich strukturierten und konflikthaften Subjekts der Topik Freuds und seiner Strukturtheorien in der Entwicklung vorausgehe (siehe die Einträge DAS UNBEWUSSTE, OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN und INTERSUBJEKTIVITÄT). In seinem „Wörterbuch der kleinianischen Psychoanalyse“ schreibt Hinshelwood (1991/1993), dass die klassische Psychoanalyse, „wie sie sich bis zu Freuds Tod im Jahr 1939 entwickelt hat, […] das Ich als ihren spezifischen Untersuchungsgegenstand bei[behielt]“ und „die einflußreichste psychoanalytische Schule, die Ich-Psychologie “ (S. 436), entwickelte, die in den 1940er bis 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten eine beherrschende Rolle spielte. Hinshelwood

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