Enzyklopädisches Psychoanalytisches Wörterbuch der IPV

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Heinz Kohut (1971), der an Freuds Auffassung des Narzissmus anknüpfte und davon ausgehend sein eigenes, als „Selbstpsychologie“ bezeichnetes System entwickelte. Es definiert die Psychoanalyse als eine Behandlung, in der es die Aufgabe des Analytikers ist, dem Patienten empathisch zuzuhören, um dessen Bedürfnis nach einer Responsivität des Selbstobjekts (des Analytikers) identifizieren zu können, und gleichermaßen aufmerksam die eigene Unfähigkeit zu beobachten, die Selbstobjektbedürfnisse des Patienten zu befriedigen. (Siehe auch die Einträge OBJEKTBEZIEHUNGSTHEORIEN, SELBST). Eine der für diesen Zeitgeist charakteristischen Veränderungen war eine Reaktion gegen die metapsychologische Orientierung. Angelehnt an die Methode des „Operationalismus“ (Fokussierung konkreter Operationen), bildete sich die anti- metapsychologische Betonung zuerst in den Schriften der interpersonalen Theoretiker/Kulturtheoretiker Harry Stack Sullivan (1953), Karen Horney (1941) und Erich Fromm (1941) heraus, die den Begriff des Unbewussten oft selektiv als einen sekundären deskriptiven Terminus benutzten, ohne damit einen wesentlichen Aspekt des psychischen Lebens zu bezeichnen. Doch auch in ihren Formulierungen müssen die „entfremdeten“ Anteile des Selbst, die „Nicht-Ich“-Anteile, aus dem bewussten Gewahrsein verbannt und ins tiefe, „unveränderliche private“ Unbewusste abgedrängt werden. Dieser Ansatz leistete einen direkten und indirekten Beitrag zu psychoanalytischen Konzeptualisierungen schwerer Pathologien sowie zur dynamischen Arbeit mit solchen Erkrankungen, beeinflusste die Konzeptualisierung der frühen Entwicklung und vertiefte das Verständnis der unbewussten Transaktionen im Feld der Übertragung-Gegenübertragung . Zusammen mit Harold Searles (1979), der den Anwendungsbereich des Gegenübertragungskonzepts erweiterte, wurden Sullivan, Horney und Fromm später als die Stammväter der Intersubjektivität angesehen. Sullivan, der ursprünglich Kraepelins Sichtweise der Schizophrenie widerlegen wollte, identifizierte pathogene Interaktionen in der frühen Kindheit und ihrem gesamten weiteren Verlauf als interpersonale Grundlage emotionalen Leidens. Solche Interaktionen spielen in der Ätiologie eine wesentliche Rolle und ziehen im späteren Leben Schwierigkeiten nach sich, die durch einen interpersonal basierten Behandlungsansatz erfolgreich behandelt werden können. Das heißt, der Analytiker korrigiert die Erwartung des Patienten, dass er sich genauso verhalten werde wie die Personen, die dem Patienten in dessen Vergangenheit Schaden zugefügt haben. In New York City wurde schließlich ein Institut gegründet, das Sullivans Lehre repräsentierte. In diesem William Alanson White Institute wurde die interpersonale Psychoanalyse praktiziert und schließlich zur Relationalen Schule weiterentwickelt. Das William Alanson White Institute führte 1943 als erstes auch eine psychoanalytische Ausbildung für Psychologen ein. 1949 zog das New Yorker Postgraduate Center for Mental Health nach. Hier absolvierten Lachmann und Stolorow ihre Ausbildung. Das ursprüngliche Kollegium unter Leitung von Lewis Wolberg , ehemals Angehöriger des New York Psychoanalytic Institute, der Zitadelle der klassischen Psychoanalyse, bot auch Behandlungen für aus der Klinik entlassende

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