Handbuch Bauen und Wohnen 2026

Passivhaus-Pionier Wolfgang Feist zu den zehn häufigsten Vorurteilen gegenüber dem Passivhaus

1. „Im Passivhaus kann man die Fenster nicht öffnen” Nach Empfehlung des Passivhaus- Institutes gibt es in jedem Passiv- haus öffenbare Fenster. Die techni- sche Wohnungslüftung sorgt dafür, dass es in der Wohnung nie schlech- te Luft gibt. Auch dann nicht, wenn die Fenster in einer kal- ten Regenperiode einmal längere Zeit zu gelassen werden. Selbstverständlich kann man auch im Passivhaus im Sommer mit Fensterlüftung (Nachtlüftung) zu angenehm kühlen Raumtempera- turen kommen. 2. „Aufgrund der kontrollierten Wohn raumlüftung zieht es immer” Die Wohnraumlüftung „lüftet” ge- rade so viel, wie für hygienisch erst- klassige Luftqualität erforderlich. Die Auslässe werden am besten in Deckenhöhe angebracht, schon in 30 cm Entfernung ist der Luftstrom nicht mehr spürbar. Zugerschei- nungen sind im Passivhaus passé. 3. „Ein Passivhaus hat keine Heizung” In der Regel braucht ein Passivhaus eine „kleine” Heizung, denn es ist kein Nullheizenergiehaus. Ja, das Passivhaus hat eine Heizung. 4. „Ein Passivhaus ist immer eine ‚Kiste’” Es gibt tausende Passivhäuser mit anderen Formen: vom Krüppelwalm- dachhaus über angeschnittene Zy- linder und Kegel bis zur Wankel-Kol- ben-Form. An Vielfalt besteht kein Mangel. Das zeigt auch der verge- bene Passivhaus-Architekturpreis. 5. „Die Technik ist noch nicht aus- gereift” verhindert die Sonneneinstrahlung bei hoch stehender Sonne im Som- mer: Als Beschattung reichen bei- spielsweise der vorgelagerte Bal- kon oder das Vordach. Das Temperaturniveau bleibt bei den hochgedämmten Häusern über das ganze Jahr sehr ausgeglichen, eine konventionelle Klimaanlage ist nicht erforderlich.

So viel Technik braucht ein Pas- sivhaus ja gar nicht! Lüftung mit Wärmerückgewinnung, die einzige besondere Technik, wird in Kanada und in Skandinavien seit mehr als 50 Jahren erfolgreich eingesetzt, und in Mitteleuropa nun auch schon über 30 Jahre. 6.„Ein Passivhaus kann man nur auf einem sonnigen Grund bauen” Diese Einschätzung resultiert ver- mutlich aus einer Verwechslung mit einem „passiv solaren” Ansatz. Passivhäuser gibt es sogar auf in- nerstädtischen Grundstücken, so- gar wenn die Hauptfassade nach Norden weist. Nicht einmal ein sol- cher Bauplatz liefert eine Ausrede, warum man kein Passivhaus bau- en kann. Andererseits wäre es nicht klug, Möglichkeiten zur Südorientierung einfach zu verschenken – denn dass diese die bessere Lebensqua- lität und die geringeren Baukosten erlaubt, ist unstrittig. 7. „Ein Passivhaus ist viel teurer als ein konventionelles Haus, es rechnet sich nicht” Unsere letzte Erhebung ergab zwi- schen 4 und 8% an Mehrinvestiti- on. Dazu bekommt man erhöhte Förderung. Später kommt es aber richtig dick: Jahr für Jahr sparen die Bewohner 800,– bis 1.500,– Euro an Betriebskosten. Wer heu- te richtig rechnet und an die Zu- kunft denkt, erkennt, dass er sich ein weniger effizientes Haus nicht leisten kann. 8.„Im Passivhaus ist es immer kalt” Da hilft nur eins: ab ins Passivhaus. Um ehrlich zu sein: Diese Passiv- hausbewohner lieben es eher ein Krisensicherheit Kein anderer Haustyp bietet die Kri - sensicherheit eines Passivhauses: Die Temperaturen in einem Pas- sivhaus fallen auch unter ungüns- tigsten Umständen (keine inneren Wärmequellen) nie unter 16–17° C. Bedeutete früher Krisensicherheit den Einbau eines zweiten Heizsys- tems mit einem alternativen Brenn-

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Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Feist lehrte und forschte 2008–2019 an der Universität Innsbruck bisschen warm. Zwischen 22 und 24° C haben wir gemessen, im Win- ter. Das kann man sich leisten. Es kostet ja fast nichts. 9. „Im Passivhaus können die ein- zelnen Räume keine unterschied- lichen Temperaturen haben” Das entscheiden die Bewohner. Auf kalte Nebenräume kann man ver- zichten – und wenn jemand einen kühlen Weinkeller braucht, auch das wurde für Passivhäuser schon gebaut. Es geht fast alles. 10. „Ein altes Haus kann man nicht zum Passivhaus sanieren” Das ist in der Regel richtig. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Man kann auch in einem alten Gebäude Passivhaustechnik einbauen: Gute Außendämmung, Lüftung mit Wär- merückgewinnung, Dreischeiben- fenster. Nur wird man nicht immer einen Neubau-Passivhausstandard er- reichen (mit seinen 15 kWh/m²a) sondern in der Regel zwischen 20 und 35 ankommen – dafür gibt es den EnerPHit-Standard: Alles opti - mal verbessern, auch im Bestand. stoff (z.B. Holz), so erzielt man heute denselben Effekt durch die optimierte Wärmedämmung und die Nutzung solarer Einstrahlungs- gewinne. Selbst ein längerer regi- onaler Stromausfall bei extremer Winterkälte, der alle mit Steue- rungselektronik ausgestatteten Hei - zungssysteme außer Gefecht setzt, ist kein gravierendes Problem.

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