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ERLEBT

Ich kann nur lieben, weil ich geliebt bin

Stell dir ein Gefäss vor, gefüllt mit grossen Steinen. Zwischen ihnen bleiben Lücken – Platz für Kieselsteine. Und selbst dann ist noch Raum für feinen Sand. Dieses Bild be­ gleitet mich, wenn ich an unsere Aufgaben denke. Die grossen Steine sind unsere Pro­ jekte, sichtbar, geplant, bewertet und pub­ liziert. Die Kiesel sind die Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben: Mitarbei­ tende, Nachbarn, Behörden. Und dann gibt es den Sand – unscheinbar, kaum wahr­ nehmbar, und doch füllt er die Zwischen­ räume. Diese Sandkörner sind Begegnun­ gen, die uns zufallen, ohne dass wir sie gesucht hätten. So wie Mariam. Eines Tages sehe ich sie vom Balkon aus: hochschwanger, auf allen Vieren kriechend, in Lumpen gehüllt. Der Bagger zerstört die letzten Habseligkeiten der Ver­ triebenen. Mariam entkommt knapp der Baggerschaufel. Ihr Bein ist geschwollen, sie verschwindet hinter einer Mauer. Doch ich kann sie nicht vergessen. Am Abend finden wir sie im Strassengraben, umgeben von Menschen, die selbst kaum Hoffnung haben. Ihr Bein ist rot, eine Wunde notdürftig mit Stoff umwickelt. Wir besorgen Antibiotika – ohne Hilfe würde sie die Nacht nicht über­ leben. Als sie in unseren Hof kommt, stockt mir der Atem. Die Wunde ist entsetzlich, Mariam schreit, bevor ich sie berühre. Ich weiss: Jede medizinische Hilfe kommt zu spät. Sie wird sterben – und mit ihr ihr ungeborenes Kind. Mariam ist drogenabhängig. Und doch durchflutet mich eine tiefe Liebe für diese Frau. Mir kommt der Satz Jesu in den Sinn: «Was ihr einem der Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.»

Wir waschen sie, verbinden die Wunde, geben ihr ein Kleid und Schuhe. Wir neh­ men sie in den Arm. Nicht, weil wir bessere Menschen wären, sondern weil wir selbst geliebt sind von Gott, der Liebe ist. Und so können wir aus der Quelle schöpfen und Liebe weitergeben. Die grossen Steine sind wichtig. Aber ohne die Kiesel und den Sand bleibt das Gefäss halbleer. Mariam war Sand – und doch hat sie unser Leben erfüllt.

Cornelia F. und ihr Mann Peter leisten seit 2019 mit viel Liebe, Hingabe und Leiden­ schaft einen MAXI-­ Einsatz in Guinea.

Mariam hat uns daran erinnert, dass die Liebe von Jesus Schutzraum für jeden Menschen bietet.

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SAM FOCUS 1 | 2026

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