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PERSÖNLICH

Unverdient beschenkt

«He left the 99 to find me», waren die Worte im WhatsApp-Profil einer Migrantin, der es gerade schlecht ging. Sie identifiziert sich mit dem verloren gegangenen und wieder­ gefundenen Schaf (vgl. Lukas 15). Dahinter steckt die Hingabe des Hirten für das ge­ liebte Schaf. Das berührt mich. Die Worte wecken meine eigene Sehnsucht, geliebt zu werden und zu lieben. Immer wieder suche ich darum in der Stille die Begegnung mit der unergründlichen Liebe Gottes. Vor zehn Jahren erlebten Stefan und ich ein­ schneidende Veränderungen. Wir waren in der medizinischen Arbeit ProESPOIR in Guinea tätig und kamen für eine Auszeit in die Schweiz. Wir waren erschöpft. Bei Stefan kamen noch andere Symptome dazu. In jenen Wochen des Ausruhens mit zunehmender Verunsicherung über Stefans Gesundheit und unsere Zukunft machte ich beim Lesen in der Bibel fast täglich die Erfahrung: Gott ist da, er sieht mich und liebt mich und wird den Weg in die Zukunft zeigen. Dann endlich kam die schockierende Klarheit: Mein Mann erhielt die Diagnose eines faustgrossen Hirntumors. Am Abend vor der Operation kam der Chirurg ins Zimmer. In jenen Tagen erhielten wir viele E-Mails und Briefe von Menschen aus Guinea und der Schweiz, die an uns dachten und für uns beteten. Darum sagte ich dem Chirurgen an jenem Abend: «Morgen werden viele Leute – auch aus Afrika – für Sie und die Operation beten.» Und Gott hörte auf diese

Rahel Strahm, Leiterin ProCONNECT

Plötzlich nahm Stefan selbst die Rolle des Patienten ein.

Gebete. Wir staunten über den wunderbaren Verlauf von Stefans Gesundheit und dass wir drei Monate später unter Chemotherapie so­ gar eine gute Abschiedsreise nach Guinea er­ leben durften. Verschiedene Leute in unserem Umfeld ha­ ben dazu beigetragen, dass wir Schritt für Schritt weiterkamen, eine Wohnung fanden, genug Geld zum Leben erhielten und uns beiden nach etlichen Monaten Türen für Arbeitsstellen aufgingen. Wir zwei mussten nie mit der Frage ringen: «Warum lässt Gott diese Krankheit zu?» Eher fühlten wir uns unverdient privilegiert, dass wir vom besten Gesundheitssystem der Welt profitieren durften, während andere mit ähnlichen Krankheiten in Guinea starben. «Warum sollte es ausgerechnet uns nicht treffen?» Wir hatten und haben kein Recht auf Ge­ sundheit und andere Wohltaten. Was wir, speziell mein Mann Stefan, erlebten, ist ein unverdientes Geschenk! «Geliebt, geborgen, getragen.» Das durften wir in jenen Wochen und Monaten erleben. Und diese tiefen Erfahrungen motivieren uns in der Arbeit, die wir jetzt tun: Stefan als Arzt in der Institution Appisberg und ich in der interkulturellen Arbeit ProCONNECT von SAM global.

Stefan hat mit voller Energie im Einsatz Menschen gedient, ohne zu erahnen, dass er selbst Hilfe brauchen würde.

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SAM FOCUS 1 | 2026

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