Eliteness 2026 - DE

Schlaf-Essay von Sara Protasi

I n diesem sensiblen Essay erforscht die Philosophin Sara Protasi den Schlaf nicht als blosse biologische Notwendigkeit, sondern als eine Quelle alltäglicher Schönheit und menschlicher Verbundenheit. Mit der Analyse unserer abendlichen Rituale fordert sie uns auf, uns zu unserer natürlichen Verletzbarkeit zu bekennen, um die kleinen Freuden wiederzuentdecken, die sich einstellen, wenn wir letztendlich bereit sind zu entschleunigen. W enn die Sonne untergeht, entschleunigt sich die Welt der Natur. Mit dem sanfter und diffuser werdenden Licht stellen die Pflanzen die Photosynthese ein: die Blüten schliessen sich und die Blätter sinken in sich zusammen. Die tagaktiven Tiere ziehen sich in ihre Bauten, Höhlen oder Nester zurück, während die nachtaktiven Tiere vorsichtig und noch schläfrig daraus hervorkommen. In der menschlichen Welt ignorieren wir diese Vorzeichen der Nacht oft, da wir durch helles Kunstlicht, den nahezu ununterbrochene Verkehr, die Meldungen auf den Bildschirmen und Telefonen abgelenkt werden und die Illusion haben, dass wir anders sind als alle anderen Lebewesen. Doch während unser Planet sich weiter dreht und sich von seinem

Stern entfernt und die Dunkelheit über ihn hereinbricht, ertappen wir uns dabei, dass wir gähnen, da wir müde sind und nicht mehr die erforderliche Energie haben, um bei all dem Kunstlicht und den diffusen Umgebungsgeräuschen weiter durchzuhalten. Früher oder später wünschen wir uns Schlaf. Dagegen kommen wir nicht an. So wie alle Tiere müssen auch wir schlafen. Mit all unserer Technologie ist es noch nicht gelungen, uns von diesem physiologischen Bedürfnis zu befreien. Doch diese Notwendigkeit ist kein Zwang, über den man sich beschweren mag; sie ist vielmehr ein grosser Segen. Der Schlaf ist eine, wenn auch oft unbemerkte, unermessliche Quelle von ästhetischem, zwischenmenschlichem und innerem Wert. Menschliche Wesen schlafen nicht einfach ein. Wir gehen schlafen, wir bereiten uns auf die Nacht vor. Wir tun Dinge, die unsere Entschleunigung begleiten, und wechseln von einem Geist des Tages, der von Tun und Machen geprägt ist, in einen Geist der Nacht, den Passivität und reines Sein kennzeichnen. Diese Routinen nenne ich «Schlafrituale», weil sie nicht nur einem besseren Schlaf dienen, sondern auch reich an dem sind, was Philosophinnen und Philosophen den «ästhetischen Wert des Alltags» nennen. Diese Art von Wert entspringt einfachen

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