in der Regel gemeinsam. Meine Töchter sind 10 und 13 Jahre alt und obwohl jede ihr eigenes Zimmer hat, mögen sie es immer noch, abwechselnd die Nacht gemeinsam bei der einen oder anderen zu verbringen. Ganz gleich, wie sehr sie sich im Laufe des Tages gezankt oder gestritten haben, wenn sie sich einmal in einem Chaos aus Daunen und Decken, Kopfkissen und anderen nicht identifizierten Gegenständen, über die ich immer wieder stolpere, verkrochen und zusammengerollt haben, beruhigen sie sich, beginnen zu schwatzen, zu flüstern, Seiten aus dem Tagebuch zu lesen und sich Geheimnisse anzuvertrauen. Das ist das Schönste, was es gibt, auch wenn man sie ermahnen muss still zu sein und zu schlafen. Sich vor, nach oder während des Schlafens an jemanden anderen anzuschmiegen ist wahrscheinlich eines der tiefgehendsten Erlebnisse, nicht nur für Menschen, sondern auch für alle Tiere. Gemeinsam Schlafen schafft eine enge Bindung, weil es uns abverlangt, dem anderen in einem Moment grosser Verletzbarkeit zu vertrauen, denn wenn wir schlafen, sind wir nicht bei Bewusstsein und wehrlos. Ein Bett zum Schlafen zu teilen, ist auch heute noch eine bedeutende Geste in einer Liebesbeziehung, auch in einer sexuell liberalen Zeit wie der unseren. Gemeinsam schlafen ist übrigens wie die Abendroutine mit feinsinnigen und schönen Freuden verbunden. Man nimmt die Konturen des anderen wahr, der an den eigenen Körper angeschmiegt ist, man atmet seinen Geruch, man hört, wie seine Atmung gleichmässiger wird, wenn er einschläft. (Natürlich ist es nicht immer angenehm gemeinsam zu schlafen, wenn die andere Person schnarcht! Doch die Tatsache, dass eine geschätzte Aktivität nicht immer
S ara Protasi ist ausserordentliche Professorin für Philosophie an der Universität von Puget Sound. Sie hat ihr Hochschulstudium an den Universitäten von Yale und Bologna absolviert und erhielt ihr Diplom an der Universität La Sapienza in Rom. Ihre Arbeiten beschäftigen sich vorrangig mit der Moralpsychologie und der Philosophie der Gefühle, mit Forschungsschwerpunkten auf Ästhetik, Philosophie der Behinderung und Pädagogik. An der Puget Sound gibt sie ein breites Spektrum an Kursen, darunter auch einige ausserhalb ihres Forschungsgebiets, wie etwa antike griechische Philosophie und Philosophie des Kinos. Sie erhielt den Exzellenzpreis für Lehre vom Präsidenten der Universität und ein Bartanen-Forschungsstipendium. Neben mehreren von ihr verfassten Artikeln ist sie die Autorin von The perfekt abläuft, schmälert nicht ihren Wert in den Momenten, in denen alles gut läuft.) Auch allein kann Schlafen an sich eine Quelle der Freude sein. Schlafen bedeutet nicht, sich auf einen Zustand der völligen Bewusstlosigkeit zu reduzieren. In den Momenten unmittelbar vor dem Einschlafen hat man faszinierende Empfindungen: vergängliche Bilder und flüchtige Klänge, Gedankenfragmente, Erinnerungen und Emotionen. Das ist ein Nachwort auf den Tag und ein Vorspiel des Traums und kann sich als wertvolle Quelle der Kenntnis seiner selbst erweisen, auch dann, wenn es nicht unbedingt angenehm ist. Beim Aufwachen können wir nicht nur ganz besondere Freuden geniessen, wie die Wärme unter der Decke, den Duft von frischem Kaffee oder das Zwitschern der Vögel, die den neuen Tag begrüssen; wir können auch wieder ganz bei null anfangen. Ungeachtet der Dinge, die am Vortag geschehen sind, bietet uns jeder neue Tag die Möglichkeit, es besser zu machen, besser zu sein. Die Welt der Natur ist ein Geflecht aus ähnlichen Übergängen, des Beginnens und Endens. Es gibt eine dem innewohnende Schönheit, die eben dieser Vielfalt entspringt, dem Zyklus der Jahreszeiten und dem Wechselspiel von Tag und Nacht. Viele versuchen, das Schlafbedürfnis zu unterdrücken, und glauben, dass menschliche Wesen ihre biologischen Grenzen überwinden müssten. Ich glaube hingegen wie manch andere Philosophinnen und Philosophen, dass unsere physische und emotionale Verletzbarkeit unseren Wert gestaltet. Die menschliche Gutherzigkeit entspringt nämlich Porträt
Philosophy of Envy (Cambridge, 2021), das mit dem Joseph B. Gittler-Preis der American Philosophical Association ausgezeichnet wurde, und ist Herausgeberin des Sammelwerks The Moral Psychology of Envy (Rowman and Littlefield, 2022). Sie arbeitet zurzeit an zwei Buchprojekten, eines über den Wert des Schlafs und eines über Mut. Sara wendet sich gern an ein grosses Publikum. Sie gab Interviews für Radiosendungen, Podcasts, Magazine und Zeitungen und hat populärwissenschaftliche Essays in Aeon, The Institute of Art and Ideas und The Prindle Post veröffentlicht. Für sie haben Mentoring und die Entfaltung einer gerechten und wohlwollenden philosophischen Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. Sie ist Co-Elternteil von zwei sehr bemerkenswerten Kindern. In ihrer Freizeit ist sie leidenschaftliche Tänzerin mit einer soliden Ausbildung und Bühnenerfahrung in klassischem, modernem und zeitgenössischem Tanz. ihrer Verletzbarkeit. Schönheit und Liebe sind in unserer Welt so wertvoll, weil sie unausweichlich vergänglich sind. Der Schlaf verbindet uns wieder mit dieser Wahrheit, mit der Unvermeidbarkeit der Realität, der zufolge wir keine Maschinen sind, die man ständig eingeschaltet und in Betrieb lassen kann. Wir gehören zu den Tieren, und wie alle Tiere müssen wir schlafen. Wenn wir das tun, leben wir im Einklang mit den Rhythmen des Planeten, auf dem wir uns befinden, akzeptieren wir unsere Verletzbarkeit und teilen sie mit anderen und geniessen diese lebenswichtigen Freuden, diese ganz kleinen, aber endlosen Wonnen.
52
ELITENESS 2026 | Focus
Made with FlippingBook Digital Publishing Software