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BRUCKMANN · Seite 38 · Reise Herbst 2026

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Vier Tore führten in die Trelleborg, und im Marschboden haben Archäologen die Fundamente 16 riesiger Langhäuser in Form schlanker Schiffe ausgegraben. Ein jedes von ihnen war fast 30 Meter lang und in drei Räume aufgeteilt. Die riesigen Dimensionen der Trelleborg sind heute noch zu ahnen. Bei ihrem Besuch wird schnell klar: Hier hat vor etwas mehr als 1000 Jahren jemand gewaltige Massen Erd- reich bewegt und Geld in die Hand genommen, um sich selbst zu schützen und zu verteidigen. Ein wahres Drama um die Götterdämmerung Ragnarök muss sich hier abge- spielt haben. Und damit nicht genug: Es wurden zur selben Zeit – um das Jahr 980/981 – vier weitere Ringburgen ge- baut. Eine gab der Stadt Trelleborg in der südschwedischen Provinz Schonen ihren Namen. Heute zählen die Überreste aller zum Weltkulturerbe der UNESCO. Poppos Wunder Um die Jahrtausendwende war Dänemark in Aufruhr. Ein einfacher Priester in Schleswig namens Poppo hatte Jahre zu- vor – so erzählt es die Heiligenlegende – den hartgesottenen Dänenkönig Harald Blauzahn und seine Leibgarde schwer beeindruckt, indem er ohne Zögern mit Berufung auf sei- nen Gott ein glühendes Eisen in die Hand nahm, ohne sich zu verbrennen. Harald und seine Mannen hatten sich dar- aufhin taufen lassen. Aber die alten Götter ließen sich nicht einfach so vertreiben. Haralds illegitimer Sohn Sven Gabel- bart wurde zum Anführer eines Aufstands Altgläubiger, die sich dem ordnenden Einfluss der Kirche nicht unterwerfen wollten. Sven, der einer unstatthaften Beziehung Haralds entstammte, wollte sich damit auf den Thron putschen. Ließ er sich dazu die gewaltige Anlage der Trelleborg errichten, um sich dahinter zu verschanzen? Die Menschenopfer vor Beginn der Bauarbeiten deuten darauf hin, dass der geheim- nisvolle Ort ein letztes Relikt des alten Glaubens war. Oder waren es Haralds Leute, die die Burgen an strategischen Orten anlegten, um Dänemark unter Kontrolle zu bringen? Jedenfalls siegte Harald nur scheinbar, denn ein Krieger schoss ihm bei der Notdurft einen Pfeil in den Rücken. Sven war ein skrupelloser Haudegen. Er mochte zwar Christ sein, vor allem aber war er ein Wikinger alter Schule. Statt Dänemark zu regieren, kämpfte er Jahrzehnte lang in Norwegen und um den Thron in England und regierte, so erzählen die Sagen, am Ende 41 Tage als König. Die Trelle- borg mit ihren hölzernen Palisaden aber brannte ab. Wer das Feuer legte, bleibt bis heute ein Rätsel.

22 SLAGELSE GEHEIMNISVOLLE TRELLEBORG

Ein auffälliger, kreisrunder Wall bei Slagelse mitten in den sattgrünen Weiden der Insel Seeland ist bis heute Ziel wilder Spekulationen um den legendären Dänenkönig Harald Blauzahn und seinen rebellischen Sohn Sven Gabelbart, um den alten und den neuen Glauben. Was immer auch passiert ist: Es muss sich ein Drama abgespielt haben. W iesen und Felder, soweit das Auge reicht und bis zu den sanften Gestaden der Ostsee, prägen die größte dänische Insel Seeland. Ein fruchtbarer Ort des Friedens und der Ferienidylle. Doch nur ein paar wenige Kilometer östlich von Næsby Strand unweit der neuzeitlichen Brücke rüber nach Jütland taucht aus dem flachen Grün ein runder Wall am Horizont auf. Fünf Meter ist dieser hoch und umschließt eine Fläche von zwölf Fuß- ballfeldern. Früher war er innen und außen in Stabbautech- nik von gespaltenen Balken umgeben, sogenannten trellern .

INFO

TRELLEBORG IM MUSEUM Seit zwei Jahrzehnten sind die meisten Funde aus der Trelleborg im benachbarten Museum zu sehen. Darunter befinden sich Waffen und Werkzeuge, Ton­ gefäße, Webgewichte und Schlösser mit Schlüsseln. In mehreren Gruben hatten die Wikinger offenbar vor dem Bau der Festung Kinder und Kühe, Hunde und Ziegen geopfert. Einige der geborgenen Ske­ lette sind ebenfalls zu sehen. Das Museum ist eine Außenstelle des dänischen Nationalmuseums. Auf­ schlussreich ist ein Besuch für die ganze Familie. So kann man auch selbst in ein nachgeschmiedetes Kettenhemd schlüpfen, einen Helm aufsetzen und ein Schwert schwingen – und das ist tatsächlich gar nicht so einfach, wie es in Filmen aussieht.

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WEITERE INFORMATIONEN https://en.natmus.dk

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← Rund um die Wende zum zweiten Jahrtausend verbar- rikadierten sich die Dänen hinter mächtigen Rundwällen. ↑ 16 riesige Langhäuser waren in der Trelleborg auf der dänischen Insel Seeland errichtet worden.

Rätsel des alten Roms Nicht nur in der Varusschlacht verschwanden Legionen Malinche Eine Sklavin half bei der Eroberung Mexikos Sensationsfund Heinrich Schliemann und die Schätze von Troja

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Das Ende der Eiszeit Vom Jäger zum Ackerbauern – die Morgendämmerung der Menschheit

schnell einen Namen. Im englischen Canterbury war die Furcht vor ihm und seinen Mannen so groß, dass die Edlen 48 000 Tonnen Silber auf die Schiffe der Wikinger schlep- pen ließen, um eine blutige Plünderung zu verhindern. Olav verschlug es daraufhin weiter nach Spanien und in die Normandie. Aber von dort brachte er nicht nur Beute mit, sondern auch seinen christlichen Glauben. Chronisten berichten, dass Olav in den nächsten Jahren mit Flamme und Schwert durch Norwegen zog, um den neuen Glauben durchzusetzen, natürlich verbunden mit seiner eigenen Königswürde. Ein Steuereintreiber, den er in die Provinz Jämtland schickte, überlebte die Wut der Bevölke- rung nur, weil ein Gefolgsmann Olavs ihn und seinen Ge- hilfen mit auf seine Skier nahm und so hastig durchs Gebir- ge brachte. Nachts musste er die beiden sogar vor dem Furor eines aufgebrachten Trollweibs schützen, das die Schutzhütte nicht teilen wollte. Die wundertätige Quelle In jedem Fall machte sich der dicke Olav, wie er zeitlebens heißt, derart unbeliebt, dass sein Heer von Bauern ihn im Sommer 1030 bei Stiklestad tötete. Das wär’s mit dem ruhmreichen Wikinger gewesen, käme jetzt nicht Magie ins Spiel. Nachdem man nämlich Olavs Leichnam in einer Flussbiegung des Nid begraben hatte, um ihn schnell zu vergessen, entsprang dort plötzlich eine Quelle, die alle möglichen Krankheiten zu heilen vermochte. Viele Wunder ereigneten sich hier und machten die junge Handelsstadt Nidaros binnen weniger Jahre zu einem beliebten Pilgerziel und Olav zu einem Heiligen. Über dem Grab entstand eine Kapelle und schließlich ein mächtiger Dom am Rand der bewohnten Welt. Der war so groß, dass er zwei Drittel der Bevölkerung von Nidaros fassen konnte. Mit irdischen Mitteln konnte er kaum entstanden sein, glaubten viele Menschen. So erzählte man sich noch lange, einige Trolle hätten willig beim Bau der Kathedrale geholfen, bis die Kirche diese Geschichte nach der Reformation verbot. Auch als die Dänen die Stadt im späten Mittelalter in Trondheim umbenannten und Olavs Silberschrein zur Münzherstellung einschmolzen, blieb die Kirche als Nidaros-Dom erhalten. In jüngster Zeit ist die evangelische Kirche sogar wieder Ziel vieler Pilger, die auf dem neuen Olavsweg von Oslo hierher wandern. Der magischen Aura der gewaltigen Kirche mit ihrer prächtigen Westfassade können sich aber auch »normale« Besucher kaum entziehen.

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8 TRONDHEIM EIN DOM AM RAND DER WELT

Ein ungeliebter König wird im Grab zum Wundertäter und bringt eine Riesenkirche am Rand der bewohnten Welt hervor. Bei deren Bau sollen sogar Trolle Hand angelegt haben. Heute ist der Nidarosdom evangelisch und seit einigen Jahren wieder ein wichtiges Pilgerziel. Seiner Ausstrahlung kann sich kaum jemand entziehen.

W elche Wunder soll man von einem Raufbold er- warten, der stehlend und raubend durch halb Europa gezogen ist? Diese Frage ist bei Wikinger- könig Olav II. Haraldsson mehr als berechtigt. Irgendwann um das Jahr 995 als Sohn eines örtlichen Statthalters von

INFO

Dänemarks Gnaden am Ufer des Oslofjords geboren, zog es den Haudrauf schon als Halbwüchsigen auf den ersten Beu- tezug. Die Sagas sehen Olav in der Nachfolge des legendä- ren Harald Schönhaar. Aber das mag auch einem Wunsch entsprungen sein. Jedenfalls machte der Teenager sich

DIE WEHRBURG DES BISCHOFS Von den Zeiten Olavs des Heiligen bis zur Reforma­ tion im Jahr 1537 war Nidaros/Trondheim Sitz eines Bischofs, später eines Erzbischofs und der Verwal­ tung von Norwegens Norden. Der Palast der Bischöfe neben dem Dom war daher als wehrhafte Burg angelegt. Heute ist der Erzbischöfliche Palast ein spannendes Museum, in dem die tausendjährige Geschichte der Stadt und der Kirche aufleben. Der erzbischöfliche Saal im Nordflügel stammt noch von 1170, auch wenn das Mobiliar jüngeren Datums ist. Im Dommuseum läuft man in schummriger Beleuch­ tung an ausgegrabenen Grundmauern aus der Grün­ dungszeit vorüber, und im Westflügel warten die norwegischen Kronjuwelen. Zum Ensemble gehört auch ein empfehlenswertes Café mit direktem Blick auf die figurenreiche Westfassade der Kathedrale.

WEITERE INFORMATIONEN www.nidarosdomen.no https://visittrondheim.no/en

← Ein riesiger Dom hoch oben im Norden soll die Macht des Glaubens illustrieren. ↑ In der Kathedrale wurden sieben norwegische Könige gekrönt. Zehn liegen hier begraben.

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Johann-Günther König verfasst als frei schaffender Autor über- wiegend kulturhistorische, biografische, politökonomische und bremi- sche Werke. Zu den jüngsten Publikationen des promovierten Sozial- wissenschaftlers gehören etwa »Anschluss verpasst. Die Krise der deutschen Bahn«, »Hafen oder Tod. Schiffsreisende aller Zeiten erzählen« sowie im Bruckmann Verlag »Lost Places in Bremen und Bremerhaven«. Für die Bebilderung dieses Bandes sorgten die Foto- grafen Hajo König und Viola Kral.

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