BRUCKMANN · Seite 40 · Reise Herbst 2026
Hardcover
Hans Thurner, Maria Oberhammer u. a. Grönland
Eisige Weiten, lebendige Kultur – Begegnungen im hohen Norden Hardcover · 240 Seiten · WG 1356 Format 22,5 x 27,1 cm
ISBN 978-3-7343-3462-7 € [D] 39,99 · € [A] 41,20 ET 18.09.2026
Mehr als nur ewiges Eis
Grönland im Porträt: Wilde Landschaften treffen auf belebte Siedlungen Ein tiefer Einblick in die Kultur und das Leben der Inuit und der »livi« Mit Informationen zu Trekking und Outdoor-Erlebnissen
Grönland – ein Land der Gegensätze: Weite, fast wüstenhafte Landschaften treffen auf belebte Siedlungen. Die Inuit im Westen und »Iivi« im Osten gelten als ruhig, gelassen und zufrieden. Dieses Buch porträtieren das »Land der Menschen« mit Liebe und starken Bildern – auch vor dem aktuellen Hinter- grund der Rohstoffinteressen, der Globalisierung und dem Wunsch, Tradition und Moderne zu verbinden.
Winzig klein wirken die Ausflugsboote neben den Eismassen am Ende
des 40 km langen Kangia-Eisfjords.
Die 1,7 Millionen Quadratkilometer große Fläche des Inlandeises bedeckt 80 % der Insel und ist damit – nach der Antark- tis – das zweitgrößte Eisschild der Welt. Es ist über 100 000 Jahre alt und umfasst rund sieben Prozent des weltweiten Süßwasser- vorrates. Bei einer vollständigen Abschmel- zung würde der Meeresspiegel um sieben Meter ansteigen. Der Klimawandel in der Arktis zeigt sich vor allem auch im massiven Rückgang der Ausdehnung des Meereises, welches neben der grönländischen Eiskappe eine wichtige Rolle für die Mäßigung der Erd- temperaturen spielt, indem es die Son- nenenergie zurück ins Weltall reflektiert. Außerdem ist das Meereis für die Tierwelt wichtig, bietet es doch insbesondere den Eisbären eine Plattform in tiefen Gewäs- sern, um von dort aus Robben zu jagen. Auf die Wirtschaft Grönlands könnte der Klimawandel – so katastrophal er für
die globale Welt ist – jedoch auch positive Auswirkungen haben. Steigende Tempera- turen begünstigen beispielweise den Berg- bau. In letzter Zeit wurden seltene Mine- ralien in der Gegend um Narsaq entdeckt. Durch das Schmelzen des Eisschildes könnten weitere wertvolle Erdelemente zum Vorschein kommen, wie Eisen, Uran, Zink und Gold. Ebenso würden die Landwirt- schaft und der Fischfang profitieren, indem die Fischer ihre Fangsaison verlängern und auf einen reicheren Fischbestand treffen könnten. Der Rückgang des Meereises würde Grönland für Schiffe zugänglicher und dadurch für den internationalen Handel wesentlich attraktiver machen. Auch die Tourismuszahlen würden ansteigen. Könnte der Klimawandel Grönland sogar einmal in die Unabhängigkeit führen? In kontroversen Debatten sieht sich die grönländische Poli- tik zwischen den Fronten.
Traditionelle Kajaks vom Kajakclub der Stadt warten auf ihre nächste Ausfahrt. Gigantische Eisberge sind in Ilulissat allgegenwärtig. Manche »verweilen« monatelang unmittelbar an der Küste der Stadt.
Eine Bootsfahrt in der Disko Bay beschert
unvergessliche Eindrücke. Egal ob bei Nebel, blauem Himmel oder unter der Mitternachtssonne: Eisberge bezaubern in jedem Licht.
07.08.19 13:34 ihrer Trommel gegenüber und versuchten einander in einem Wort- und Singduell zu übertreffen. Sieger war derjenige, der das Publikum zuerst zum Lachen brachte. Durch das Trommeltanzduell sollte die Luft gereinigt und ein gutes Zusammenleben ermöglicht werden. Von den Missionaren wurde der Trom- meltanz als heidnischer Brauch verteufelt und rigoros verboten. Heute gibt es nur helfen, Konflikte zu lösen oder Fehden zu beenden. Die Kontrahenten standen sich mit noch wenige Trommeltänzer im Land. Meistens werden sie zu folkloristischen Darbietungen für Touristen herangezogen. Dunkelgraue Wolkenfetzen jagen über den Himmel, als wir uns mit Varna in einem Café verabreden. Kaum haben wir uns hingesetzt und die Getränkekarte stu- diert, fliegt die Tür wieder auf und Varna kommt herein. Sie ist in Begleitung ihrer Tochter, ein großer schlanker Teenager.
um diesen kulturellen Schatz zu hüten, ihn weiterzuentwickeln und ihr Wissen darüber zu verbreiten. Hans lernte sie auf seiner zweiten Grönland-Reise im Osten des Lan- des flüchtig kennen. Sie unterrichtete in Tasiilaq eine Gruppe von Mädchen im tradi- tionellen Trommeltanz, wohnt aber in Nuuk. Die Qilaat , das einzig typische Mu- sikinstrument der Grönländer, ist eine Rahmentrommel aus Holz oder Knochen, die mit einer Membran aus Eingeweiden eines Eisbären oder einer Robbe bespannt ist. Sie besitzt einen kurzen Griff, an dem sie gehalten wird. Mit einem Schlegel wird rhythmisch auf den Rahmen der Trommel geschlagen. Früher gehörte der Trommeltanz zum alltäglichen Leben der Inuit. Er war immer mit Gesang verbunden: mit Sologesang, spontanen Gefühlsliedern oder Gruppenge- sängen bei Feierlichkeiten. Der Trommel- tanz diente nicht nur der Unterhaltung oder schamanischen Riten, sondern sollte auch
Scheu lächelt Varna uns zu und wir begrü- ßen einander. Ihr Gesicht erhellt sich. Jetzt kann sie sich wieder an Hans erinnern: »Du warst in Tasiilaq und hast damals Fotos von meiner Trommeltanzgruppe ge- macht!« Bei einem warmen Chai Latte mit köst- licher Zimtnote unterhalten wir uns ent- spannt über dieses und jenes. Unbestritten ist Varna eine interessante Frau mit charis- matischer Ausstrahlung und einer äußerst facettenreichen Mimik. An ihrem Hand- gelenk trägt sie mehrere Lederarmbänder, an denen Tiere und andere Figuren aus Knochen, Horn und Specksteinen baumeln. Ihr rechtes Ohr ziert eine kleine Adlerfeder. Den Schmuck stellt sie selbst her. »Mein Ururgroßvater war Maratse, ein berühmter Schamane und Trommeltänzer«, erzählt Varna: »Ein Foto von ihm hängt im Nationalmuseum. Habt ihr es gesehen?« An das Foto können wir uns nicht erinnern, aber sehr wohl daran, dass ein Teil der
Ausstellung dem Schamanismus gewidmet war. Wir verstehen, dass Varna sehr stolz auf ihre Wurzeln ist und der Trommeltanz sie mit dem Leben ihrer Ahnen verbindet. Ihre Großmutter war es, die Varna den Trommeltanz lehrte. »Ich habe morgen Zeit. Wir könnten gemeinsam um die Lille Malene wandern«, schlägt Varna uns enthusiastisch vor: »Ich nehme auch meine Trommel mit.« Es ist unser letzter Tag in Nuuk, als wir mit Varna um den Hausberg der Stadt wandern, den Quassussuaq (dänisch: Lille Malene). Bei dichten Beerensträuchern entlang des Weges bückt sich Varna, streicht mit ihrer Hand darüber und blickt zu uns hoch: »Hier können wir Kräuter sammeln!« Qajaasaq (Grönländischer Porst) heißt das Kraut, das wir sogleich abzupflücken beginnen. Es ist ein Heide- krautgewächs, das als Teeaufguss oder Fleischwürze verwendet wird und bei Ver- dauungsproblemen hilft.
Der Neubau des National- museums beherbergt in verschiedenen Themen- räumen anschaulich aufbereitete Informationen über die Lebensweise der Grönländer von der ersten Besiedelung bis zur Gegenwart.
Die grönländische Künst- lerin Varna Marianne Nielsen aus Tasiilaq (Ostgrönland) lebt heute in Nuuk. Es ist ihr ein Herzensanliegen, die Tradition des Trommel- tanzes zu erhalten. Immer wieder ist sie auch zu Gast auf verschiedenen euro- päischen Kultur-Festivals.
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Nuuk – Eine Hauptstadt mit 18 000 Einwohnern
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