TIPPS
ÜBERLASTETE AZUBIS Bei Problemen nicht alleine lassen Junge Menschen unter Druck: Wieso hinsehen und zuhören auch bei Ausbildern auf der Agenda stehen sollte.
AUS- BILDUNG
D er Wecker klingelt um 5.45 Uhr. Noch bevor der Tag begonnen hat, krei- sen die Gedanken: die Prüfung nächste Woche, die Berufs- schulaufgabe, die Schicht am Nachmittag. Auf dem Weg zur Arbeit scrollt Lena durch ihre Nachrichten. Drei unbeantwor- tete Chats, eine Erinnerung der Berufsschule und eine Nachricht vom Ausbilder. Als sie ihren Arbeitsplatz erreicht, fühlt sie sich schon erschöpft. Einzelfall? Keineswegs. Viele Auszubildende stehen unter Druck und das aus ganz unter- schiedlichen Gründen. „Wichtig ist, Warnsignale früh zu erken- nen und rechtzeitig gegenzu- steuern“, sagt Miriam Schöpp vom Kompetenzzentrum Fach- kräftesicherung (KOFA). Nicht jede Belastung ist sofort ein Grund zur Sorge. „Ein einzelner schlechter Tag ist noch kein Alarmzeichen“, betont Schöpp. Entscheidend seien Verände- rungen, die sich über einen längeren Zeitraum zeigen. Etwa Müdigkeit, Konzentrationspro- bleme, häufige Kurzfehlzeiten oder körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmer- zen. Auch Rückzug, Reizbarkeit oder Leistungsabfall könnten Hinweise auf Überforderung sein. „Psychische Belastungen können körperliche Reaktionen hervorrufen und umgekehrt.“ Geraten Azubis unter Druck, ist das ausbildende Personal gefragt. „Wer Veränderungen
wahrnimmt, sollte sie früh und sensibel ansprechen“, erklärt Schöpp. Schon einfache Maß- nahmen wie klare Prioritäten, kleinschrittige Aufgaben, feste Feedback-Runden oder verläss- liche Ansprechpersonen könn- ten entlasten. Bei schweren Krisen wie Suchtproblemen oder Suizidgefahr ist schnelle professionelle Hilfe nötig, zum Beispiel von Betriebsärzten, Krisenanlaufstellen, der Tele- fonseelsorge oder – bei akuter Gefahr – dem Notruf 112. Betriebe haben die Pflicht, Ge- fährdungen zu ermitteln und ihre Beschäftigten zu schüt- zen. Aber: „Ausbildende sind keine Ärzte oder Therapeuten, ihre Aufgabe ist es, hinzuse- hen, zuzuhören und Hilfe zu vermitteln, um die Ausbildung zu stabilisieren“, so die Exper- tin. Schon wenige Stunden gezielter Schulung gäben Füh- rungskräften die Sicherheit, in kritischen Situationen richtig zu handeln. Entsprechende Angebote gebe es zum Beispiel von den Berufsgenossenschaf- ten, Krankenkassen, Industrie- und Handelskammern oder dem Netzwerk Q 4.0. Den Vorwurf, Azubis seien heu- te weniger belastbar als früher, lässt die KOFA-Referentin nicht gelten. „Die Rahmenbedingun- gen sind deutlich komplexer geworden. Jugendliche stehen beruflich vor schier endlosen Möglichkeiten mit teils hohen Anforderungen. Hinzu kom-
men Zukunftsängste durch globale Krisen, finanzielle Sorgen und unerreichbare Vorbilder in sozialen Medien. Das erzeugt Druck, dem nicht jeder standhält.“ Für Betriebe sei es deshalb wichtig, Prävention mitzu- denken. „Ein vertrauensvolles, wertschätzendes Ausbildungs- umfeld ist der beste Schutz vor Überforderung“, sagt Schöpp, „dazu gehören realistische Arbeitsanforderungen und ge- sunde Pausenroutinen ebenso wie eine offene Fehlerkultur.“ Auch Schulungsangebote zu Themen wie Resilienz, Ergonomie, Bewegung oder Sucht könnten Berufseinstei- gern helfen, länger gesund, motiviert und leistungsfähig zu bleiben. Überlastungen lassen sich nicht vollständig vermeiden. Azubis müssen lernen, mit neuen Abläufen, Verantwor- tung und Druck umzugehen. „Rechtzeitige Unterstützung kann aber Fehlzeiten und das Risiko für Ausbildungs- abbrüche reduzieren“, be- tont Schöpp. „Und wer die Gesundheit seiner Mitarbei- tenden ernstnimmt, punktet auch im Wettbewerb um neue Talente.“ Sylvia Rollmann INFO: Wer ist mein IHK- Ansprechpartner bei Ausbil- dungsthemen wie diesen? ihk.de/rhein-neckar/ ausbil dungsberater
Auszubildenden wird viel erklärt. Ebenso wichtig ist es, auch ihnen Gehör zu schen- ken.
50% DER AZUBIS in Deutschland sind psychisch belastet. QUELLE: DGB- AUSBILDUNGSREPORT
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IHK Magazin Rhein-Neckar 06 | 2026
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